Neu im Kino: Johnny Depp trinkt sich durch den seichten Exzessfilm „Rum Diary“

Pappsüßer Kater-Cocktail

Dekadenz in Pastell: Paul Kemp (Johnny Depp, links) lässt sich mit dem reichen Immobilienhai Sanderson (Aaron Eckart) und dessen Freundin Chenault (Amber Heard) ein. Foto: Film District

Kassel. Das Rum-Tagebuch von Regisseur Bruce Robinson ist ein Comeback-Film. Das ist an sich ein Grund zur Freude, denn immerhin handelt es sich bei „Rum Diary“ um die Leinwand-Rückkehr von Johnny Depps Gesicht.

Nach seinen Kostüm-Erfolgen mit Piraten-Goldzähnen und Tim Burton’schem Wunderland-Make-up, zeigt sich der 49-jährige Schauspieler nun wieder frisch rasiert und gebügelt als versoffener Reporter Paul Kemp.

Der New Yorker Schreiber kommt Ende der 50er-Jahre nach Puerto Rico, wo sich Amerikaner mit Zigarre einen Spielplatz aus Luxus-Ressorts gebaut haben. Das englischsprachige Lokalblatt nennt sich stolz „San Juan Star“, entpuppt sich aber als verräucherter Sammelplatz für Opportunisten, die ihren Lesern die schöne neue Karibikwelt vorschwindeln.

Der Zaubertrank der Insel ist stets golden schimmernder Rum in riesigen Mengen. Und auch Kemp, der sich eigentlich um erfundene Horoskope kümmern soll, versinkt im exotischen Dauerrausch und stolpert durch Hahnenkämpfe, Verfolgungsjagden und zwielichtige Deals mit Immobilienhai Sanderson (Aaron Eckart).

Trotz der Bildgewalt von Kameramann Dariusz Wolski und der schönen Menschen am türkisen Meer bleibt „Rum Diary“ ein blasser Retrofilm voller Klischees. Ein bisschen Versuchung durch Geld und die schöne Chenault (Amber Heard), ein wenig Karneval-Folklore und eine Prise Rassismus gegen die Puerto Ricaner: Keiner der angetippten Handlungsstränge wird entwickelt, und nach dem nächsten Glas Rum sind sowieso alle Gewissenskonflikte vom Kater gefressen.

Wie zum Schluss aus dem resignierten Trinker Paul Kemp ein Enthüllungsjournalist wird, der „Wut und Tinte“ seine Waffen nennt, bleibt im Dunst des Zuckerrohrschnapses schleierhaft. Wenn Kemp in einem Dorf ein Indio-Mädchen fotografiert oder auf der Luxus-Yacht zu einem Moralbüchlein greift, muss das als Erklärung für den Sinneswandel reichen.

„Rum Diary“, das auf den Erinnerungen von Hunter S. Thompson basiert, ist ein schickes Stück Popcornkino, das jedoch nichts über die Motivation der Reporterlegende erzählt. Der Film ist kein harter Drink, sondern ein pappsüßer Rum-Cocktail, bei dem man die Kopfschmerzen schon beim Trinken ahnt.

Das Einzige, was wirklich spannend wäre, ist das Geheimnis des ästhetischen Säufers. Johnny Depps Gesicht bleibt auch als schwerer Alkoholiker makellos.

Genre: Komödie

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: !!:::

www.hna.de/kino

Von Saskia Trebing

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