Paradies in der Hölle: Jonas Mekas im Kunsttempel

Kino in der Baracke: Jonas-Mekas-Foto vom „Displaced Persons“-Lager am Mattenberg. Repro: von Busse

Kassel. Es war der berührende Besuch eines Künstlers aus der Generation der Überlebenden, die bald verstummen wird. Die rare Gelegenheit, einen Zeitzeugen zu erleben, der noch aus erster Hand berichten kann - Jonas Mekas, aus Litauen stammender Avantgarderegisseur, zentrale Figur des US-Undergroundkinos und Autor.

Von 1947 bis ’49 hat Mekas in Kassel gelebt, in einem Lager der Alliierten für Heimatlose, „Displaced Persons“, am Mattenberg. Seine Fotos aus diesen Jahren zeigt der Kunsttempel in einer Mekas gewidmeten Ausstellung. Dort stellte der fast 91-Jährige mit Übersetzerin Claudia Sinnig am Donnerstag auch den neuen Band „Alt ist dieses, unser Sprechen“ (Matto-Verlag) vor, erstmals ins Deutsche übertragene Prosagedichte, in denen Mekas seine Erfahrungen als Exilant und Erinnerungen an die Heimat in poetische Bilder gefasst hat.

Mekas beschreibt das Quaken der Frösche, das Donnern der Züge, Basketballspiele und Barackenkino im Lager. Kassel sei so zerstört gewesen, es kam ihm schlüssiger vor, die Stadt einfach vollständig neu zu errichten, als in den Ruinen zu leben, sie wiederaufzubauen.

Er sei damals durch die Natur gen Oberzwehren gelaufen, „Felder und Blumen, nichts anderes“ gab es, sagt Mekas, und er habe doch immer nur die Felder seines Heimatdorfes vor Augen gehabt. Man habe im Lager gemeinsam gelesen, gestritten, getanzt, „das war unsere Welt“. Wo immer zwei, drei Freunde zusammen seien, könne man eine eigene Welt entwerfen, eine kleine unabhängige geistige Zelle inmitten von Langeweile, Dummheit und Horror, ja sogar in der Hölle könne es so gelingen, sich ein Paradies zu erschaffen.

Dass am Mattenberg unter 3000 bis 4000 Menschen die gesamte litauische Elite versammelt gewesen sei, betont Friedrich W. Block vom Kunsttempel: „Diese Geschichte ist erst noch zu schreiben.“ Auch das Original einer in den Baracken entstandenen Literaturzeitschrift wird gezeigt.

In eine ganz andere Zeit, die Jahre von Andy Warhols „Factory“, sprang Mekas, als er nach dem gerade gestorbenen Lou Reed gefragt wurde. Mekas erzählte verschmitzt, wie er dessen Band Velvet Underground den ersten Auftritt verschafft habe, bei einem Kongress von 400 Psychiatern. Vorher hatte er ihnen Warhols Film gezeigt, in dem der Künstler Robert Indiana zu sehen ist, wie er sehr langsam einen Pilz isst. „Das“, so Mekas, „hat die Psychiater irre gemacht“.

Bis 24.11., Fr.-Ebert-Str. 177, Do - So 15-18 Uhr, www.kunsttempel.net

Zur Person

Jonas Mekas, Heiligabend 1922 geboren, stammt aus Litauen. Von den Nazis mit seinem Bruder in ein Arbeitslager nach Elmshorn verschleppt, ging er nach Aufenthalten in Displaced-Persons-Lagern in Kassel und Wiesbaden aufgrund der sowjetischen Besetzung seiner Heimat in die USA. Dort wurde er zu einer zentralen Figur des New American Cinema. Er gründete die Zeitschrift „Film Culture“ und eine Kooperation unabhängiger Filmemacher mit eigenem Vertrieb, schrieb Kolumnen für „Village Voice“, schuf die größte Sammlung von Avantgarde-Filmkunst, vor allem aber drehte er Tagebuch- und Dokumentarfilme. „As I Was Moving Ahead, Occassionally I Saw Brief Glimpses of Beauty“ (2000) war auf der Documenta11 zu sehen. Zuletzt präsentierten die Serpentine Gallery London, das Pariser Centre Pompidou und das Wiener Filmmuseum Retrospektiven. Der Film „Reminiscences of a Journey to Lithuania“ über Mekas’ Rückkehr nach Litauen 1971/72 läuft im Kunsttempel.

Von Mark-Christian von Busse

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