Im Interview: Filmstar Robert Redford führt Regie im Attentatsfilm „Die Lincoln-Verschwörung“

„Parallele zum 11. September“

Durch Filme wie „Der Clou“ (1973), „Der große Gatsby“ (1974) und „Jenseits von Afrika“ (1984) gehört Robert Redford (75) als Schauspieler zu den wichtigsten Stil-Ikonen des amerikanischen Kinos. Aber auch als Regisseur („Eine ganz normale Familie“, „Der Pferdeflüsterer“) hat sich Redford in die Filmgeschichte eingeschrieben. Zudem ist er Leiter des Sundance-Festivals, das sich der Förderung des unabhängigen Kinos verschrieben hat.

In seiner neuen Regiearbeit „Die Lincoln-Verschwörung“ reist Redford zurück in das Jahr 1865, als nach dem Ende des Bürgerkrieges US-Präsident Abraham Lincoln erschossen wird. Der Kriegsminister Stanton (Kevin Kline) verfolgt die Verschwörer mit unnachgiebiger Härte, nur Mitattentäter John Surratts entwischt ihm. Stattdessen stellt er dessen Mutter vor ein Kriegsgericht.

Mr. Redford, wie bekannt ist in den USA die Geschichte von Mary Surratt, die nach dem Attentat auf Abraham Lincoln von einem Kriegsgericht zu Unrecht zum Tode verurteilt wurde?

Robert Redford: Natürlich kennt jeder die Geschichte des Anschlages auf Abraham Lincoln, der 1865 von dem Schauspieler John Wilkes Booth während einer Theatervorführung erschossen wurde. Diese historischen Eckdaten wurden in der amerikanischen Geschichtsschreibung immer wieder recycelt. Aber der Kriegsgerichtsprozess gegen Mary Surratt, der mit diesem Attentat verbunden ist und eine unglaubliche Ungerechtigkeit darstellte, blieb weitgehend unbekannt. Der damalige Kriegsminister Edwin Stanton hat erfolgreich dafür gesorgt, dass diese Frau gehängt, begraben und vergessen wurde.

Was hat den Hardliner Stanton angetrieben: Rache oder politisches Kalkül?

Redford: Stanton war der Meinung, dass der Frieden zwischen Nord- und Südstaaten noch sehr fragil sei. Schließlich hatte Lincoln die Sklaven befreit und die Südstaatler waren sehr aufgebracht, weil sie der Meinung waren, dass man ihnen ihren persönlichen Besitz weggenommen hatte. Als Lincoln ermordet wurde, geriet Stanton in Panik und versuchte möglichst schnell Stärke zu demonstrieren, um weiteren Widerstand im Keim zu ersticken. Stanton wollte alle Beteiligten so schnell wie möglich an den Galgen bringen. Nur John Surratt konnte er nicht kriegen, und deshalb zog er dessen Mutter vor einem Militärgericht zur Verantwortung. Stanton war der Meinung, dass man das Gesetz verletzen muss, um den Frieden aufrechtzuerhalten.

Der Vergleich zur Reaktion der Regierung Bush auf die Anschläge des 11. September, zu „Patriot Act“ und Guantanamo, drängt sich hier förmlich auf …

Redford: Es gibt Parallelen, aber auch Unterschiede. Es stimmt, nach dem 11. September hat auch der damalige Verteidigungsminister Dick Cheney darauf gedrängt, dass die USA schnell auf die Anschläge reagierten. Auch er wollte Stärke demonstrieren - allerdings auf militärische Weise, und das ist meistens ein Fehler. Außerdem hat die Regierung Bush die tragischen Ereignisse ausgenutzt, um das amerikanische Volk für ihre eigenen politischen Interessen zu manipulieren. Sie haben die Menschen, die nach dem 11. September ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt hatten, belogen und das Land unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung in einen Krieg im Irak gestürzt, bei dem es eigentlich nur ums Öl ging. Dieser Betrug ist eine der größten Tragödien in der amerikanischen Geschichte.

Wie würde Ihrer Meinung nach eine adäquate Reaktion auf ein traumatisches Ereignis wie den 11. September aussehen?

Redford: Eigentlich hat sich das amerikanische Volk vollkommen richtig verhalten. Nach dem 11. September gab es eine sehr breite gesellschaftliche Solidarität gegenüber den Opfern des Anschlages. Aber unser politisches Establishment hat diese Stimmung ausgenutzt. Ich weiß nicht, was passieren würde, wenn sich noch einmal eine solche Tragödie ereignet. Ich hoffe, dass die Medien und die Menschen im Land dann schlauer sind und die Politik ihrer Regierung stärker hinterfragen.

Das heißt, Sie glauben, dass die Menschen aus der Geschichte lernen können?

Redford: Wir waren bisher nicht sehr gut darin. Die amerikanische Geschichte ist eine Serie von Schleifen. Ich glaube, die Amerikaner haben ihrer Geschichte nie genug Aufmerksamkeit gewidmet, um zu verhindern, dass sich bestimmte Dinge wiederholen.

Als Gründer des Sundance-Filmfestivals haben Sie sich der Förderung des unabhängigen amerikanischen Kinos verschrieben. Wie ist es in Zeiten der Wirtschaftskrise um den US-Independant-Film bestellt?

Redford: Independant-Filme hatten es immer schon schwer, und das wird wohl auch so bleiben. Durch die Krise ist das Studio-System in sich zusammengebrochen. Hollywood macht nur noch Filme, die garantiert genug Gewinn abwerfen. Die Filmemacher müssen das Geld selbst auftreiben, und das ist eine sehr unsichere Angelegenheit. Es gibt eine Menge Hedgefonds-Manager, die ihren Fuß ins Filmgeschäft bekommen wollen und sich auf ein Territorium begeben, von dem sie nichts verstehen. Dann werden sie plötzlich nervös, ziehen ihr Geld wieder aus dem Projekt und der Filmemacher steht mit leeren Händen da.

Von Martin Schwickert

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