Ein Parkourläufer des Jazz: Ernie Watts überzeugte im Theaterstübchen

Konzentration: Ernie Watts am Saxofon und Bassist Rudi Engel beim Auftritt im Theaterstübchen. Foto:  Fischer

Kassel. Das Geheimnis ist gelüftet. Zumindest die vielen Besucher des Theaterstübchens, die dem Konzert des Tenorsaxofonisten Ernie Watts beiwohnten, wissen, wo dieser seine Einnahmen aus dem CD-Verkauf bunkert: Unter seinem Bett in einem Pappkarton, der von Spinnen und einer Anakonda bewacht wird.

An diesem Abend kam da einiges an Barschaft hinzu, denn das Publikum war begeistert und seine CD „Oasis“ ging weg wie warme Semmeln.

Berechtigterweise, denn was Watts und sein spektakuläres Quartett an filigraner Kompositionsarbeit und eindrucksvoller Spielkunst präsentierten, verdiente höchste Anerkennung. Es ist Jazz, der sich zeitlos modern nur dem Geschmack der Protagonisten verpflichtet fühlt.

Bei „Shaw Nuff“ (Dizzy Gillespie) bewegte man sich geschmeidig wie waghalsige Parkourläufer durch eine kurvenreiche Bebop-Architektur und mit „Palmito“, einem verwinkelten Meisterwerk des Pianisten Christof Sänger, kreuzte man europäische Didaktik mit südamerikanischer Lebensfreude.

Schon früh wurde deutlich, welche prägnanten Eigenschaften dieses Quartett so außergewöhnlich erscheinen lassen. Watts entwickelt sein meisterhaftes Spiel aus der Coltrane-Tradition heraus, während Pianist Sänger das wohltemperierte Klavier eines Johann Sebastian Bach in eine synkopische Improvisationsgestaltung übersetzt.

Rudi Engel am Kontrabass und Schlagzeuger Heinrich Köbberling brillierten mit wollüstiger Basisarbeit und solistischen Intermezzi. Solistisch wurde nicht lange gefackelt, dafür aber geriet das Feuerwerk zu einer exzessiven Angelegenheit. Watts kam da schon mal locker auf zehn Minuten. So wurde der Abend zu einem Konzert-Höhepunkt des Jahres.

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