Der Mark Pezinger Verlag im Kunstverein

Partitur aus Staub

Handschuhe liegen bereit: Im Kunstverein darf man zurzeit blättern. Foto: von Busse

KASSEL. Bye, bye, Mississippi. Abgesang auf einen Fluss oder die Beschwörung aller Wasser dieser Welt, die Ressourcen der Erde. Billy X. Curmano, zierlich, mit Latzhose und großem freundlichen Lächeln, mischt im temporären KunstVereinsHeim das Wasser des Flusses mit deutschem Mineralwasser, gießt es in eine Ocean Harp und lässt Musik erklingen. Wassermusik, mal ganz anders und mit dem Appell, die Welt nicht untergehen zu lassen. „Ich mache Kunst in der Umwelt“, sagt er zur Eröffnung in lustig gebrochenem Deutsch.

Curmano ist amerikanischer Extrem-Performancekünstler, er hat den ganzen Mississippi durchschwommen, sich drei Tage lang lebendig begraben und in einen Tigerkäfig einsperren lassen, um gegen die unmenschliche Behandlung von Kriegsgefangenen in Vietnam zu protestieren. Er selbst war mit 19 in Vietnam, zurückgeblieben sind Curmano Traumata, die ihn des Nachts nicht schlafen lassen, und der unbändige Wille, Kunst zu machen. „Art is bigger than life“ ist sein Motto. Die Kunst ist größer als das Leben.

„Futurism’ Bastard Son“ ist der Titel eines Künstlerbuches, das seine waghalsigen Performances mit Fotos und O-Tönen ins Gedächtnis ruft. Aufgelegt wurde es im Mark Pezinger Verlag, der sich im Kunstverein vorstellt: Ein Zusammenschluss von Künstlern, die eine Plattform gefunden haben, Bücher, Videos, Soundcollagen und skulpturale Objekte zu realisieren. An die 25 Titel zeigen das breitgespannte Spektrum des Verlags von Karsten Födinger und Thomas Geiger.

Wundersame Projekte, bei denen die Ursonate von Kurt Schwitters mit Vogelgeräuschen transkribiert wird, eine Musik-Partitur aus markierten Staub-Partikeln entsteht und die Nester zweier Finken in einer Anleitung für Hochbaukonstruktionen eingefügt. Thomas Geigers „Denkmaschinen“-Scheibe liefert ihm morgendlich ein Adjektiv und ein Substantiv, mit denen er in den Tag geht und entsprechende Bildfindungen sucht.

Bei diesem nicht kommerziellen Verlag gibt es viel zu entdecken. Und wenn es ein Plakat ist mit dem Titel „I want to become a millionaire“. Darauf ist nachzulesen, dass Geiger täglich in Wien eine halbe Stunde Geld sammelt für den Verlag. Selbst Peer Steinbrück hat schon gespendet. Wer Kunst machen will, muss heute andere Wege gehen.

Bis 20.8., Werner-Hilpert-Straße 23, täglich 18-24 Uhr.

Von Juliane Sattler

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