James Murphy beendet sein LCD Soundsystem mit perfekten Songs

Die Party ist vorbei

Multitalent: Der New Yorker James Murphy (40) ist studierter Literaturwissenschaftler, DJ, Sänger und Label-Betreiber. Foto: emi

Da ist nicht dran zu rütteln: Von allen Dance-Punk-Projekten ist James Murphys LCD Soundsystem das tollste. Auch „This Is Happening“, die dritte Platte des New Yorker DJs, Musikers und Sängers, ist so umwerfend kickend, schlüssig schlau und lässig schön geraten, wie nur was. Nach dem fulminanten Debüt „LCD Soundsystem“ (2005) und dem großartigen Nachfolger „Sound Of Silver“ (2007) hatte man allerdings nichts anderes erwartet.

Murphys leidenschaftlicher Post-Punk-House resultiert aus einer intensiven Punk- und Wave-Sozialisation in den 80ern, einer ins Heute geretteten Fanhaltung gegenüber dieser Musik sowie der Kunst, schnoddrig mit Musikwissen und Zitaten umzugehen.

„Yeah“ etwa, einer der hysterischsten Tracks vom ersten Album des studierten Literaturwissenschaftlers, bestand textlich aus nicht viel mehr als einem (ekstatisch) wiederholten „Yeah!“. Das Stück führte das Wissen um die absurde Banalität von Partys und Clubgängerei vor, ohne die Liebe zum Geschehen gleich über Bord zu werfen. Die Mehrdeutigkeit des Sprachzeichens macht’s möglich.

Um die aufgeklärte Party geht es auch auf „This Is Happening“. Das alte Spiel? Ja, aber es wird nicht langweilig, weil Murphy schlau genug ist, den Spielverlauf und die Regeln selbst zu variieren. Noch ein bisschen fetter und komprimierter als früher betreibt Murphy, wie er es nennt, „Konversation mit anderer Musik“. Er verwischt die Spuren der Vergangenheit nicht, er hebt sie hervor, arbeitet ihre Eigenarten konsequent heraus und verquirlt sie mit dem Clubsound von heute.

Mit großer Liebhaberei spielt er einen Tom-Petty-Groove, greift für hypnotische Momente auf Krautrock zurück, gibt sich gesangs- und songtechnisch als David Bowie („Heroes“) und Brian Eno, spielt sogar den legendären NDW-Basslauf von Grauzones „Eisbär“, ohne dass es abgeschmackt klänge. Perfekt.

Umso betrüblicher die Nachricht, dass es nach „This Is Happening“ keine weiteren Alben mehr geben wird. Es ist vollbracht, sagt Murphy. Größer soll das Projekt LCD Soundsystem nicht werden. Würde es aber, sofern er weitermachte. Wahrscheinlich hat er recht: Die totale Live-Verdichtung klappt bereits bei 2000 Zuschauern kaum noch.

Und Murphy hatte sich eh gesagt, mit 40 würde er aufhören. 40 ist er nun. Er kann sich vorstellen, Filme zu machen, ein Buch zu schreiben. Er will sein Label weiter voranbringen und schauen, was kommt. Das ist, vor dem Hintergrund einer Karriere, die ihren Zenit längst noch nicht erreicht hat, ein bemerkenswerter Abgang: erwachsen, cool, sympathisch.

LCD Soundsystem: This Is Happening (DFA / EMI). Wertung: !!!!!

Von Michael Saager

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