Viecher im Fenster: Kasseler Kunststudenten zeigen Videokunst beim Deutschen Künstlerbund in Berlin

Der Passant wird zum Voyeur

Kunst im Vorbeigehen: Die Videoinstallation „Windows III“ konfrontiert Passanten in Berlin mit kurzen Filmen zum Thema Schaufenster. Mitgewirkt haben Kunststudenten aus Kassel. Foto: Trebing

Berlin / Kassel. Die Rosenthaler Straße in Berlin ist eine Flaniermeile, auf der man riesige Hornbrillen und teure Second-Hand-Kleider spazieren trägt. Die Geschäfte hier heißen „Waaahnsinn Berlin“ und „Personality crisis“ und bieten alles vom Retro-Telefon mit Wählscheibe bis zur Sternchen-Strumpfhose für ernst gemeinte 75 Euro. Doch wenn es dunkel wird und der Fernsehturm vom nahen Alexanderplatz herüberblinkt, unterscheidet sich eines der Schaufenster von allen anderen.

Dort kauen plötzlich Kühe im Stall vor sich hin und fixieren riesige braune Augen die Passanten. Einige der Videofilme, die in den Räumen des Deutschen Künstlerbundes gezeigt werden, haben Kasseler Kunststudenten aus der Klasse von Bjørn Melhus gedreht. In Zusammenarbeit mit der Universität der Künste Berlin sind um die 30 kurze Videoprojektionen entstanden, die sich alle mit dem Thema Schaufenster auseinandersetzen.

Viele davon spielen mit der gewohnten Blickrichtung, die uns die Laden-Auslagen anerzogen haben: Wir schauen von außen und niemand schaut zurück. In Jana Tosts Video ist es jedoch genau umgekehrt. Hier blicken zwei Mädchen aus dem Schaufenster und machen den Betrachter zum Beobachteten und Fotomotiv. Wer sich die Abfolge der Filme von draußen ansieht, schaut außerdem in Badezimmer und durch halbgeöffnete Gardinen und wird so zwangsläufig zum Voyeur.

Menschen als Ware

In Fabian Brunsings Projekt „Synchro“ wird ein Mädchen wie eine Ware präsentiert - und jeder kann sich selbst überlegen, ob es etwas anderes ist, wenn er hier einen Menschen oder zwei Fenster weiter teure Lederschuhe anstarrt. Immer wieder öffnen sich auch surreale Räume hinter den Scheiben. Beatrix Schubert und Lukas Thiele verdichten wandernde Strichmännchen zu einer undurchdringbaren Masse. Das Schaufenster wird zum Abfalleimer oder zur ländlichen Idylle im Morgennebel, die in Berlin Mitte Lichtjahre entfernt scheint. Der Kasseler Franz Christoph Pfannkuch zeigt unter dem Titel „Aghnya“ - dem indischen Namen für Kuh - außerdem das Innere eines Rinderstalls. Heilige Tiere, die verehrt werden wollen, oder stumpfe Konsumviecher? Auf der hippen Luxusmeile eine spannende Frage.

Auch wenn die Fenster zwischendurch kurz dunkel werden, gibt es noch genug zu sehen. Dann spiegeln sich nämlich die wohlproportionierten Sportdamen aus dem Fitnessstudio gegenüber. Wie sie rhythmisch auf ihren Steppern auf und ab hüpfen, könnte das auch eine Art von Installation sein.

Die Videos des „Windows III“-Projektes sind bis zum 16. März zu sehen, Di bis Fr, 18 bis 24 Uhr, Rosenthaler Str. 11 in Berlin.

Von Saskia Trebing

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