Die Passion als Dialog

Bachs Matthäuspassion in der Martinskirche 

Langer Beifall für die Mitwirkenden: Chor (links), Kinderchor und die Solisten (v.l.): Raimund Nolte (Christus) und Sebastian Hübner (Tenor). Foto:  Malmus

Kassel. Ehrfürchtiges Staunen ist in abgeklärten Zeiten kein verbreitetes Gefühl, und doch empfindet man es beim Hören von Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion.

Das Leiden Christi wird auf eine Weise geschildert, die Ergriffenheit erweckt, beginnend mit dem so tiefgründigen textlich-musikalischen Gefüge des Eingangschores.

Zwei Chöre, Tochter Zion und die Gläubigen treten in einen Dialog: „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen, sehet!“, singt der erste Chor. „Wen?“, wirft der zweite fragend ein. Nach einem weiteren Dialog kommt der Choral „O Lamm Gottes unschuldig“ als Glaubenssymbol hinzu.

Wie der Musikforscher Martin Geck formuliert, „erinnert es an ein leuchtendes Rettungsschiff, das auf das wogende Meer der Trauer hinausgeschickt wird“.

Bei der Aufführung in der Martinskirche unter der Leitung von Eckhard Manz verdeutlichte die Aufstellung der Ausführenden die doppelchörige Anlage der Matthäuspassion. Links und rechts standen die Mitglieder der Kantorei St. Martin. Dazwischen befand sich im ersten Passionsteil der Unterstufenchor des Engelsburg-Gymnasiums (Leitung: Cordula Finke-Hölzl), dessen leuchtende Stimmen nach „O Lamm Gottes“ auch bei einigen weiteren Chorälen eingebunden waren.

Kantorei überzeugte

Weit mehr als das nicht immer sauber spielende Orchester St. Martin Barock überzeugte die exzellente Kantorei. In den erregten Volkschören ließen es der präzise Rhythmiker Manz und die Sänger nicht an packender Dramatik fehlen.

Ein solistisches Glanzlicht setzte der Tenor Sebastian Hübner - mit geschmeidiger Stimme und einer den Ton fein modulierenden barocken Rhetorik. Hinzu kamen die bewährte Kasseler Sopranistin Traudl Schmaderer, die warm timbrierte Mezzosopranistin Christiane Bassek und die charaktervollen tiefen Männerstimmen von Raimund Nolte (Christus) und Jens Hamann.

Berühmt ist die Matthäuspassion auch für ihre kontemplativen Arien. Hier wurden sie vom Dirigenten mit einem zügig tänzerischen Impuls versehen, was der Rührung doch etwas im Wege stand. Gleichwohl war es eine alles in allem eindrucksvolle Wiedergabe des über den Zeiten stehenden Werks. Nach dem Schlusschor herrschte in der Kirche ehrfürchtige Stille, bevor langer Beifall der tausend Zuhörer einsetzte.

Von Georg Pepl

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