Patrick Schlösser kombiniert Shakespeare am Staatstheater

+
Morast und Schaum: Alina Rank (Portia, von links), Alexander Weise (Shylock), Christoph Förster (Bassanio), Thomas Meczele (Antonio) und Nora Dörries (Nerissa).

Kassel. Es gibt diese Wackelbilder, auf denen man etwas anderes erkennt, je nachdem, wie man das Bild kippt. Regisseur Patrick Schlösser entlarvt in seinem großen Shakespeare-Doppelabend am Kasseler Staatstheater unsere gesellschaftlichen Zuschreibungen als solche Wackelbilder.

In zweidreiviertel intensiven Theaterstunden verflüssigen sich die Identitäten, hinter der einen Bühnenfigur scheint noch eine andere auf. Wer bin ich, und wenn ja: Wie viele?

Schlösser schneidet in seiner viel beklatschten Zwei-Dramen-Kombination „Der Kaufmann von Venedig und sein Traum von Was ihr wollt“ in die Handlung vom venezianischen Kaufmann Antonio, der in Konflikt gerät mit dem jüdischen Geldverleiher Shylock, die Komödie „Was ihr wollt“ hinein.

Sie ist als ausführliches Zwischenspiel ein Traum des Kaufmanns. Ein Nahtod-Erlebnis. Und setzt in dem Moment ein, als der Konflikt zwischen Antonio und Shylock auf dem Höhepunkt anlangt, und Antonio kurz davorsteht, sein Leben zu verlieren. Shylock hält ihm das Messer an die nackte Brust, will ein Pfund Fleisch herausschneiden: sein Pfand, seine Rache.

Lichtwechsel. Alle „Kaufmann“-Figuren schlüpfen aus ihren Gegenwarts-Anzügen in prächtige Renaissance-Kostüme (Katja Wetzel) mit Pumphose und Samtwams, wechseln aus den Rollen der Finanz- und Heiratsmakler in die Rollen der Liebenden, die sich in einem amüsant-sexualisierten Kuddelmuddel der Verkleidungen und Geschlechterrollen erst finden müssen.

Als sich hier später das Tohuwabohu lichtet, wechselt erneut das Licht. Wir sind wieder bei Shylock und seinem Messer an Antonios Herz. Die Stunde der Abrechnung. Doch jetzt sind die Identitäten unschärfer geworden. Wie bei einem Kamerafokus, den man weiter aufgedreht hat. Das Theater-Experiment funktioniert, Übersichtlichkeits-Fanatiker werden es damit aber nicht leicht haben. Shylock, der Unbarmherzige, war gerade noch Malvolio, der gedemütigte Haushofmeister, mit dessen Liebessehnen man Schabernack getrieben hat bis zur kompletten Würdevernichtung. Der großartige Alexander Weise zeigt am überzeugendsten, wie sich die beiden Wackelbild-Figuren gegenseitig verstärken können. Sein Malvolio, der in einem falschen Liebesbrief aufgefordert wird, ständig zu lächeln, muss erst üben, seine Lippen nach oben zu biegen - und bricht jedesmal weinend zusammen. Sein Shylock fühlt sich den Christen intellektuell überlegen, kalt, aber mit unterdrücktem innerem Brodeln begegnet er ihnen. Der malvolio-isierte Shylock schließlich weiß: Es ist die Gesellschaft, die ihre Außenseiter erschafft, und er bedient ihre Erwartungen in tiefster Bitterkeit.

Thomas Meczele ist ein melancholisch düsterer Antonio/ Orsino, Alina Rank eine ebenso erotisch-kühle wie kluge Portia/Olivia. Die beiden ganz jungen Darsteller Nora Dörries und Christoph Förster entzücken mit komödiantischen Einlagen und viel Herzblut als Nerissa/Sebastian und Bassanio/Viola. In weiteren Rollen: Björn Bonn, Eva Maria Sommersberg, Franz Josef Strohmeier, Thomas Sprekelsen, Dieter Bach und Peter Elter.

Sie glitschen auf dem morastigen Bühnenboden (Daniel Roskamp) herum, der für das kapitalistische Venedig steht, und stehen später im wabernden Schaumberg der Traumwelt. Unablässig segeln federleichte Schaumfetzen herab, verwehen: Der schöne Schein lässt sich nicht festhalten.

Wieder am 28.9., 6., 12.10. Karten: 0561-1094-222.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.