„Die tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold

Grandioser Opernabend in Kassel - musikalisch und szenisch beeindruckend

Von Visionen gequält: Paul (Charles Workman, vorn) erlebt Marie (Eva Maria Sommersberg) als Märtyrerin. Fotos: Klinger

Kassel. Patrik Ringborg dirigierte und Markus Dietz inszenierte in Kassel „Die tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold.

Zarte Klänge schweben durch den Raum, als Brigitta, die Haushälterin, Pauls Freund Frank in die „Kirche des Gewesenen“ führt. Es ist Pauls Wohnung in der frommen Stadt Brügge. Hier lebt Paul in einer Welt der Erinnerung an seine tote Frau Marie. Wie sich dieser Ort für ihn durch das Zusammentreffen mit der Tänzerin Marietta in eine innere Hölle verwandelt, davon handelt Erich Wolfgang Korngolds 1920 uraufgeführte Oper „Die tote Stadt“, die am Samstag als Kasseler Erstaufführung im Opernhaus Premiere hatte.

Wie ein Dämon ist die tote Frau (Eva Maria Sommersberg in einer stummen Rolle) in Markus Dietz’ Inszenierung stets präsent - bereit, ins Geschehen einzugreifen. Wann ist sie sichtbar und für wen? Man weiß es nicht, doch ihre obsessive Präsenz ist wie ein Katalysator für die psychischen Eruptionen, denen Paul und seine Bekanntschaft Marietta ausgesetzt sind.

Denn Paul fantasiert die Tote und die Lebende so lange als dieselbe Person, bis Marietta den Kampf gegen die vermeintliche Nebenbuhlerin aufnimmt - aber auch diese Konstellation erweist sich als albtraumhaftes Konstrukt Pauls. Er kann nicht Abschied nehmen, begehrt Marietta heftig und wird zugleich von moralischen Skrupeln gequält. Dies alles vermengt sich und gipfelt in der wüsten Vision einer gekreuzigten Marie und einem fantasierten Mord an Marietta.

Markus Dietz fasst diese Albtraum-Handlung, in die auch mal eine fröhlich-melancholische Theatertruppe einbricht, in klare Bilder. Die von Mayke Hegger gestaltete Bühne zeigt eine edle Wohnung. Mal flimmern filmische Erinnerungen, mal öffnen sich Lichttore ins Ungefähre. Ein konkreter und zugleich abstrakter Raum, in dem heutige Menschen (Kostüme: Henrike Bromber) agieren.

Was Korngolds Musik so faszinierend macht, das Zusammenspiel von wirkungsbewusster Überwältigungsmusik und feinster Detailzeichnung, überträgt Dietz kongenial auf die Bühne: Plakative Bilder gewinnen durch seine bis in die Nebenrollen psychologisch subtile Personenführung eine suggestive Kraft.

Dazu braucht es grandiose Sängerdarsteller, und hier ist das Glück in Kassel perfekt: Der amerikanische Tenor Charles Workman verleiht der Figur des Paul eine sensationelle Stärke. Die gefürchtete Partie bewältigt er mit bestechender Klarheit und Kraft. Pauls seelische Konflikte erscheinen so weniger als Defizite, denn als Ausweis innerer Größe.

Celine Byrne ist ihm als Marietta eine ebenbürtige Partnerin, die Leichtigkeit, Frivolität und Verletzlichkeit wunderbar in der Balance hält. Ihre traumhafte Stimme verfügt über ein reiches Timbre bis in höchste Lagen. Auch die übrigen Rollen sind erstklassig besetzt, ein Glanzlicht setzt Hansung Yoo als Pierrot mit dem Lied „Mein Sehnen, mein Wähnen“. Szenisch wie sängerisch eindrucksvoll agieren der Opernchor und der Kinderchor Cantamus.

Am Dirigentenpult erweist sich Patrik Ringborg einmal mehr als Farbmagier. Die psychedelischen Klänge etwa, die das Staatsorchester zur Erscheinung Maries formt, gehen unter die Haut, und nicht weniger suggestiv klingt es aus dem Graben, wenn das Orchester rein instrumental die Liebesnacht von Paul und Marietta illustriert.

Lauter Jubel und skandierender Beifall belohnten einen Opernabend, den man nicht verpassen sollte.

Wieder am 27. und 30.4., Karten: Tel. 0561 / 1094-222. www.staatstheater-kassel.de

Das Ensemble 

Charles Workman: Paul, Celine Byrne: Marietta, Marie, Eva Maria Sommersberg: Marie (stumme Rolle), Marian Pop: Frank, Marta Herman: Brigitta, Lin Lin Fan: Juliette, Maren Engelhardt: Lucienne, Jun-Sang Han: Victorin, Hansung Yoo: Pierrot, Johannes An: Graf Albert. Opernchor, Cantamus-Chor, Staatsorchester.

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