Der scheidende Generalmusikdirektor über zehn intensive Jahre

Patrik Ringborg: „Kassels Publikum ist einzigartig“

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Musik für 30 000 Menschen: Patrik Ringborg dirigiert beim Sommer-Open-Air-Konzert 2016.

Man kann von einer Ära sprechen: Seit 2007 hat Patrik Ringborg das Staatstheater Kassel als Generalmusikdirektor geprägt. Jetzt endet seine Amtszeit – Zeit, zehn Jahre Revue passieren zu lassen und in die Zukunft zu blicken.

Herr Ringborg, Ihre zehn Jahre als Generalmusikdirektor in Kassel waren eine intensive Zeit. Sind Sie heute ein anderer Dirigent als 2007?

Ringborg:Ich glaube, dass man mit den Erfahrungen, die man im Leben macht, sich verändert, dass man andere Prioritäten bekommt und dass sich das auf das Musizieren auswirkt. Ich glaube auch, dass man von so einer langen Chefzeit geprägt wird durch die Verantwortung und durch das menschliche Miteinander. Das ist etwas, das ich beim Gastieren immer vermisse. Man hat ein tolles Konzert und sieht sich vielleicht nach Jahren erst wieder. Aber man hat keine Gelegenheit, etwas langfristig zu verbessern.

Was würden Sie als die wichtigsten Erfolge Ihrer GMD-Zeit ansehen?

Ringborg: Ich habe keine besonderen Ziele gehabt, als ich in Kassel anfing. Die Findung ging ja sehr schnell, der Übergang von Freiburg war nicht leicht. Ich habe von vornherein Musik gemacht, wie ich es für richtig hielt. Man muss trennen, was meine Klangvorstellungen sind, und wie sich das Staatsorchester verändert und entwickelt hat. Orchester entwickeln sich immer. Das hat mit dem Dirigenten, aber auch mit der Stimmung im Ensemble, mit der Altersstruktur und vielen anderen Dingen zu tun. Mein Eindruck ist, dass die Stimmung im Staatsorchester gut ist. Viele Probleme, von denen man anderswo hört, kenne ich hier kaum oder gar nicht.

Was sind für Sie die wichtigsten Dinge, die Sie in Kassel umsetzen konnten? Sie haben ja auch im Umfeld viel bewegt, Stichwort Konzertmuschel und andere Neuerungen.

Ringborg:Mir sind alle Dinge wichtig! (lacht) Es gab einige Veränderungen. Die Konzertmuschel und drei Umbauten am Orchestergraben und am Deckensegel des Opernhauses haben dazu beigetragen, dass das Orchester besser klingt. Das Musizieren macht mehr Spaß, und das hört man auch. Ich freue mich, dass wir die Konzertpädagogik so ausbauen konnten, dass viele Schüler daran teilhaben können, das ist toll. Wir haben auch viel in neue Instrumente investiert - einen neuen Konzertflügel, eine Harfe, eine Orgel, eine Celesta, um nur die wichtigsten zu nennen.

Sie haben die Idee für ein großes Open-Air-Konzert gehabt und die HNA als Unterstützer gewonnen. Was bedeutet Ihnen dieses Konzertformat?

Ringborg: Generell will ich sagen, dass ich natürlich möchte, dass es mit dem Staatsorchester, das in Herrn Angelico einen guten Chef haben wird, gut weitergeht. Aber es ist genauso wichtig, dass es mit dem Publikum gut weitergeht. Das Open-Air-Konzert ist deshalb so wichtig, weil wir bei diesem einen Konzert so viel Publikum haben wie in drei Jahren bei den Sinfoniekonzerten insgesamt. Leider musste es diesmal wegen der documenta ausfallen, aber es ist sehr wichtig, dass es dieses Ereignis auch weiterhin geben wird.

Welche musikalischen Highlights verbinden Sie mit ihrer Kasseler Zeit - waren es vor allem die großen Wagner- und Strauss-Opern?

Ringborg: Ja, ich fühle mich da zu Hause. Das Schwerste bei Wagner ist es, die langen Bögen zu erzeugen. Ich weiß selbst nicht ganz genau, wie ich es mache, es ist ein Wunder, wenn sie da sind. Aber es hat wohl funktioniert. Bei Strauss ist es dann mehr eine Sache des Intellekts. Mit der „Elektra“, die ich als letzte Oper in Kassel dirigieren werde, verbindet mich viel. Es ist meine vierte Einstudierung - zuvor habe ich das Werk unter anderem zur Einweihung des extra großen Orchestergrabens an der Oper in Oslo dirigiert. Aber genauso wichtig waren die drei großen Mozart-Opern - zuletzt „Figaros Hochzeit“.

Ungewöhnlich ist, wie sehr sich das Orchester dabei der „historisch informierten“ Spielweise angenähert hat ...

Ringborg:Auf diesem Gebiet hat Jörg Halubek toll mit dem Orchester gearbeitet, und jetzt ist das Orchester sehr gut informiert.

Sie haben sich musikalisch immer auch jenseits des Mainstreams bewegt. Was war Ihnen da besonders wichtig?

Ringborg:Um drei Stücke zu nennen: Puccinis „Turandot“ mit dem von Luciano Berio hinzukomponierten Schluss, die leider wenig bekannte Oper „Jessonda“ vom Kasseler Musikheroen Louis Spohr und natürlich „Lear“ von Aribert Reimann.

Das Staatstheater hat eine Dokumentation mit all Ihren Opern und Konzertprogrammen herausgebracht. Es ist schwer, aus der Fülle etwa herauszugreifen. Trotzdem: Welche Konzerte haben Ihnen am meisten Spaß gemacht?

Ringborg: Gustav Mahler muss ich kaum nennen. Aber besonderen Spaß gemacht hat es, Konzerte mit Werken zu machen, die selten gespielt werden. Zum Beispiel 2015 das Bußtagskonzert mit Hilding Rosenbergs Sinfonie „Die Offenbarung des Johannes“ oder das Karfreitagskonzert in diesem Jahr mit Stücken von Hugo Wolf, Samuel Barber, Hector Berlioz und Jean Sibelius. Und die wurden gut angenommen! Dass so etwas funktioniert, ist toll. Das Kasseler Konzertpublikum ist einzigartig. Es akzeptiert nicht nur die Musik der fetten Periode von 1830 bis 1911 – die ist natürlich wichtig –, sondern auch, was davor und danach kam. Das ist nicht überall so, da bin ich stolz auf Kassel.

Keiner Ihrer Vorgänger war so vielseitig aktiv wie Sie. Wie kamen Sie beispielsweise darauf, Abba-Konzerte zu machen?

Ringborg:Das lag nahe, weil ich Schwede bin. Mit den populären Programmen habe ich an Rasmus Baumann angeknüpft. Der Erfolg solcher Konzerte ist unglaublich. Wir haben allein über 30 „Rat-Pack“-Swing-Konzerte gegeben und damit nehme ich am 1.7. Abschied vom Staatstheater. Abgesehen vom Weihnachtsmärchen war das das meistgespielte Programm im Opernhaus. Trotzdem muss ich sagen: Ich bin Dirigent, nicht Bandleader. Das ist eine Nebentätigkeit, und so soll es bleiben.

Gibt es Pläne, die Sie nicht verwirklichen konnten?

Ringborg: Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich in den zehn Jahren realisieren konnte. Gern hätte ich noch Schönbergs „Gurre-Lieder“ gemacht.

Wie geht es bei Ihnen weiter?

Ringborg: In der kommenden Spielzeit werde ich 44 Wochen in Schweden sein. Es gibt tolle Projekte mit Beethoven, Mahler, Bruckner und Strauss in Malmö, in Göteborg, in Norrköping und in Stockholm. Dort wartet eine besondere Sache auf mich. Ich werde ein A-cappella-Konzert mit Eric Ericsons Kammerchor geben, der für mich der beste Chor der Welt ist. Nach Kassel wollte ich zunächst keine neue Chefposition annehmen, aber ein festes Engagement in Schweden schließe ich nicht aus.

Fühlen Sie sich nach zehn Jahren auch ein wenig als Kasseler?

Ringborg:Ich arbeite zwar sehr viel in Schweden, aber ich bleibe vorerst in Kassel wohnen und spiele am Heiligabend wieder das Weihnachtsoratorium in Kirchditmold. Es war meine dritte Station in Deutschland als Dirigent - und die erste, wo ich heimisch geworden bin. Der Abschied von Kassel fällt mir schwer. Aber der Zeitpunkt wird kommen.

Zur Person 

Patrik Ringborg (51) stammt aus Stockholm, wo er an der Königlichen Hochschule für Musik seine Ausbildung erhielt. Stationen seiner Karriere waren das Aalto-Theater in Essen und das Theater Freiburg, wo er Chefdirigent war. 2007 wurde er Generalmusikdirektor am Kasseler Staatstheater. Ringborg ist Mitglied der Königlich Schwedischen Musikakademie. Er ist Vater zweier Töchter, seine Freundin lebt in Paris.

Am Sonntag, 18 Uhr, dirigiert Ringborg letztmalig die Strauss-Oper „Elektra“. Am Samstag, 1.7., gibt es im Opernhaus zum letzten Mal „Swing in Concert“. Weitere drei Swing-Konzerte „Winter Wonderland“ wird Ringborg am 3., 22. und 26.12. in Kassel dirigieren. Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

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