Paul Maar: Grimm-Märchen spendete Trost

Als erster Kinder- und Jugendbuchautor übernahm er die Kasseler Grimm-Professur: Paul Maar. Foto: von Busse

Der Kinder- und Jugendbuchautor Paul Maar, Erfinder des "Sams", hat seine Grimm-Professur in Kassel angetreten. Im brechend vollen Gießhaus gab er Auskunft über sein Verhältnis zu Märchen.

Kassel. Du kannst froh sein, wenn du Straßenkehrer wirst. Diesen Satz hat Paul Maar als Kind unzählige Male gehört. Der Vater schlug, vermittelte dem Sohn, nichts wert zu sein. Heute ist der 77-Jährige einer der bekanntesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren. Dienstagabend trat er die diesjährige Grimm-Professur an der Universität an.

Maars Mutter war gestorben, als er drei Monate alt war, kein Bild, keinen Brief gab es von ihr, einzig ein Sprach-Brockhaus mit ihrem Namenszug blieb ihm, in den sich der Junge Nachmittage lang vertiefte. Und: Zwei oder drei Mal jede Woche las er als Kind das Grimm’sche Märchen „Der Eisenhans“.

Ein Junge färbt versehentlich die Haare golden, versteckt sie peinlich berührt unter einem Hütchen, wird als unbeholfener Taugenichts herumgeschubst, bis eine Prinzessin bemerkt: „Er hat ja goldene Haare.“ So war sich der kleine Paul sicher, eines Tages sein Hütchen abziehen zu können – „und dann wirst du sogar Grimm-Professor“.

Vom Trost, den ihm das Märchen der Grimms spendete, einer Überlebenshilfe, wie er erst Jahrzehnte später begriff, berichtete der 77-Jährige im Pressegespräch wie danach in seinem Vortrag im völlig überfüllten Gießhaus der Kasseler Universität. Mit der Grimm-Professur reiht sich Maar als erster Autor von Kinder- und Jugendbüchern in eine illustre Reihe von Schriftstellern wie F.C. Delius, Herta Müller, Uwe Timm und zuletzt Ilja Trojanow ein.

Auf einem Streifzug durch seine Werke befragte Maar sein Schaffen auf das Märchenhafte hin, gestern sollte er abends aus seinem jüngsten Buch „Der Galimat und ich“ lesen. Manchem Kollegen, der Belletristik für Erwachsene schreibt, würde Maar wünschen, mal vor Kindern aufzutreten, diesem so kritischen wie spontanen Publikum. Wenn man 1200 Kinder – so wie es ihm neulich im Freiburger Theater gelang – eine Stunde fesseln könne, sei man zwar völlig erschöpft, „aber hinterher ist man sowas von befriedigt. Man fühlt sich fast wie Michael Jackson.“

Das Leben von Kindern, die auch nicht mehr so brav vor ihm säßen wie vor 40 Jahren in bayerischen Volksschulen, habe sich geändert, die Lesekompetenz klaffe in den Grundschulen viel weiter auseinander als früher, und vielleicht, sagt Maar, liest in ein paar Jahren nur noch ein Zehntel der Kinder. Grundthemen – wie die Angst vor der Trennung der Eltern oder Geschwister-Konstellationen – würden Kinder aber immer beschäftigen.

Er selbst ist am Tag nach dem Abitur zu Hause ausgezogen und dann viele Jahre nicht mehr zurückgekehrt. Sein Vater habe selbst eine harte Kindheit gehabt, erläutert Maar, in Krieg und Gefangenschaft waren ihm die besten Jahre gestohlen worden, danach musste er wieder bei Null anfangen. Als er schließlich dement, ganz sanft und kindlich wurde, da konnte Paul Maar den Vater zum ersten Mal umarmen.

Zur Person

Paul Maar, am 13. Dezember 1937 in Schweinfurt geboren, lebt als Autor von Kinder-, Jugend- und Drehbüchern sowie Kindertheaterstücken, als Illustrator und Übersetzer (mit seiner Frau Nele) in Bamberg. Seine bekanntesten Figuren: das freche Fabelwesen Sams, der Träumer Lippel, das kleine Känguruh, Herr Bello. Der 77-Jährige hat an der Akademie in Stuttgart Malerei und Kunstgeschichte studiert und war sechs Jahre Kunstlehrer, ehe er freier Autor wurde. Maar hat drei Kinder und „dreieinhalb“ Enkel - eines stammt aus einer früheren Beziehung der Partnerin seines Sohns. Zum disziplinierten Schreiben zieht er sich ins fränkische Dorf Birkenfeld zurück – ohne TV und Handy-Empfang.

Paul Maar über...

• Kindheit heute: „Sie ist immer wohlbehüteter und beschützter. Das ist nicht unbedingt nur von Vorteil. Es gibt keine Freiräume mehr, kaum noch Geheimnisse.“ • Wünsche für seine Leser: Pädagogische Ziele stünden nicht an erster Stelle. Er erfinde in realer Umgebung fantastische Wesen, die den Helden aus seelischen Notlagen helfen - in der Hoffnung, dass Kinder Lebensfreude, Selbstbewusstsein gewinnen, Nein sagen lernen, sich gegen Autoritäten durchsetzen - wie Herr Taschenbier im „Sams“. • Jüngere Kollegen: „Kirsten Boie imponiert mir sehr. Andreas Steinhöfel natürlich. Dann muss ich erstmal nachdenken.“ • Märchen: Er beziehe sich oft auf sie - in spielerischer, ironischer Distanz und ganz ernsthaft. Man müsse das Bedürfnis nach Märchen ernstnehmen: „Je schwerer die Bösen bestraft werden, desto sicherer fühlt sich das Kind.“ Maar trug einen eigenen Text von 1969 vor, Hochzeit der antiautoritären Bewegung, in dem er den Märchen eine Absage erteilte, und einen zweiten, in dem er 15 Jahre später seinen Gesinnungswandel begründete. • Political Correctness: Maar spricht sich dagegen aus, in Märchen altertümliche oder auch problematische Worte zu ersetzen: „Ich würde nicht alles, was anstößig sein könnte, streichen. Hexen zum Beispiel müssen einfach vorkommen.“

Mittwoch, 10. Juni, 18 Uhr, Lesung aus „Der Galimat und ich“, Campus Center, Hörsaal 1 (Raum 1139), Moritzstraße 18.

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