Kultursommer: Elke Heidenreich und Calmus

Pause für das laute Weltgewühle

Meditationen über die Nacht: Elke Heidenreich beim Auftritt in Homberg. Foto: Kasiewicz

Homberg. Sagenhaft, wie es dem Calmus-Ensemble am Freitagabend gelang, binnen Minuten in der vollen Homberger Stadtkirche eine Atmosphäre der Stille und des gebannten Lauschens herzustellen.

Ein Abendsegen von Christian Lahusen (1886-1975) umklammerte das Programm „Nachtgedanken“ des Kultursommers Nordhessen. Das fünfköpfige A-cappella-Ensemble aus Leipzig gewann mit dem wunderbaren Stück sofort sämtliche Aufmerksamkeit – jedes Rascheln, jedes Flüstern hätte nun gestört.

Und wann je hört man Poesie so konzentriert zu? Elke Heidenreich, die bekannte Kölner Autorin und Literaturkritikerin – in Korbach geboren –, las Tieck, Proust, Kästner, Ringelnatz. „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“, forderte Otto Ernst Hesse „Amnestie für alle Sünder“. Guy de Maupassant beschrieb den Tag als „brutal und lärmerfüllt“ und die „schwarze Unermesslichkeit“ als Glücksgefühl. „Schrecklich glücklich schlafen“, das liebte die gerade gestorbene Gabriele Wohmann.

Wenn das „laute Weltgewühle“ Pause hat, wie es in Brahms’ „Waldesnacht“ heißt, wachsen aber auch Erinnerungen, Ängste, Kummer, Einsamkeit ins Übermäßige. In einem eigenen Text beschrieb Heidenreich, wie nachts die Konturen verschwimmen. Die Fantasie blüht – dieser Aspekt stand bei Calmus im Vordergrund, etwa mit Georg Kreislers so leicht scheinenden, aber tiefsinnig-sarkastischen Liebesliedern.

Sopranistin Anja Pöche, Countertenor Sebastian Krause, Tenor Tobias Pöche, Bariton Ludwig Böhme und Bass Joe Rösler waren angesichts der schwierigen Akustik schwer zu verstehen, von den Programmzetteln mit den Texten gab es zu wenige. Das Quintett faszinierte dennoch sehr, wie es beispielsweise in Harald Banters Vertonung von Morgensterns Galgenliedern dem Mondkalb, dem die Zehlein faltenden Rehlein und dem Schaf aus aus Wasserdampf Ausdruck verlieh.

Mit Goethes „Um Mitternacht“ und „Der Mond ist aufgegangen“ als Zugabe entließen Heidenreich und Calmus die beseelten Besucher in den lauen Abend.

Von Mark-Christian von Busse

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