Jopi ist König: „Inselkomödie“ am Berliner Ensemble als Musical

Küsschen für den König: Caroline Beil (links) und Isabel Dörfler nach dem Schlussapplaus mit Johannes Heesters. Foto: dpa

Berlin. Zu seinem 105. Geburtstag erfüllte er sich einen Wunsch und spielte vier Wochen den Kaiser in der Hamburger Aufführung vom „Weißen Rössl“.

Nun ist der Welt dienstältester Schauspieler und Sänger, Johannes Heesters, bald 107 und gastiert am Berliner Ensemble. „Der König“ in Rolf Hochhuths „Inselkomödie“ und i-Tüpfelchen eines Theaters, dessen Witz vor allem darin liegt, dass es sich selbst vollkommen ernst nimmt.

Als Spiegel unseres absurden Welttheaters, in dem weder Politiker noch Schauspieler merken, wann die Zeit für sie gekommen ist, hat das schon wieder Charakter. Wie ein Exponat im ägyptischen Museum sitzt Heesters auf einem Stuhl und rezitiert sorgsam die Verse seines Eingangsmonologs. Ein Monument an Überlebenswillen. Nach der Pause füllt er noch mal einige Minuten, weitgehend unverständlich, was mehr an der „Dichtung“ liegt.

Auf der Bühne wird die Musicalfassung eines reichlich abgestandenen und zotigen, politischen Theaters gegeben, das die antike Komödie „Lysistrata“ von Aristophanes zum Vorbild hat. Für seine „Inselkomödie oder Lysistrate und die Nato“ (1974) schickte der sendungsbewusste Autor Frauen auf einer griechischen Insel in den Sexstreik, um den Bau eines Nato-Stützpunktes zu verhindern. „Frieden statt Raketen“ schmettert der Schluss-chor.

Florian Fries (30), Pianist und Komponist, hat den platten Thesenschinken zur Macht des Matriarchats mit Songs und Musicalschmalz versehen und dirigiert ein zwölfköpfiges Orchester. Es klingt mal nach Jazz, mal nach „Phantom der Oper“, Sirtaki wird auch getanzt - von „Lindenstraßenwirt“ Kostas Papanastasiou, der öfters seinen Text vergisst als Heesters.

TV-Darstellerin Caroline Beil verkörpert ihre Hauptrolle als „Dr. Lysistrate Soulidis (Studiendirektorin, MdP)“ mit Anstand. Regie führt Heiko Stang, früher als „Jesus Christ Superstar“ und im „Herr der Ringe“ unterwegs, routiniert konventionell. Die Damen wackeln ausdauernd mit Busen und Po und sprechen Sätze wie: „Früher konnte er nicht sitzen, weil er immer einen stehen hatte. Heute kann er nicht stehen, weil er einen sitzen hat.“

Wer darüber lachen kann, sitzt hier richtig. Gelandet mitten im Berliner Sommertheater. So peinlich, dass es manche lustig finden.

Als Vorsitzender der Ilse-Holzapfel-Stiftung, der das Theater gehört, hat Hochhuth das Recht, seine Stücke im Sommer aufzuführen. 2009 kam es zum Zwist mit Intendant Claus Peymann, der den Autor aussperrte. Dieses Jahr ist alles anders und doch nicht. Hochhuth hätte gern den ganzen August gespielt, doch muss er den Proben von Peter Steins Salzburger Sophokles „Ödipus auf Kolonos“ weichen. Der feiert am 25. August Berliner Premiere. Dann gibt Klaus Maria Brandauer den Heesters und keiner singt dazu. Schade!

Bis 8.8., Theater am Schiffbauerdamm. Karten: Tel. 0170/7334629, www.eventim.de

Von Andrea Hilgenstock

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