Interview vor Auftritt im Schlosspark Wilhelmsthal

Peter Brugger von den Sportfreunden Stiller: "Die Fifa ist ein Drecksverein"

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Kassel. Sänger Peter Brugger kann sich noch an den ersten Auftritt seiner Band in Kassel erinnern. Irgendwann in den 90ern spielten die Sportfreunde Stiller mit einer „finnischen Mädchen-Band“ (Brugger). Am 18. Juli tritt das Münchner Trio beim Open Air im Schlosspark Wilhelmsthal auf. Wir sprachen mit Brugger (41).

Herr Brugger, wer Fußball-Weltmeister wird, wissen wir noch nicht, aber wer hätte denn den Titel des WM-Song-Weltmeisters verdient? 

Peter Brugger: Deichkind mit „Ich habe eine Fahne“.

Die Electro-Band singt in ihrem Anti-WM-Lied: „Pack die Tiere auf den Grill, mach die Rasenheizung an, Sklave, bau den Tempel auf, Fifa, treib das Vieh zusammen, einen Monat Tunnelblick.“ 

Brugger: Das ist die richtige Art, mit der ganzen Sache umzugehen. Der kleine Junge in mir hat total Bock darauf, sich jedes Spiel reinzufahren und alles zu genießen. Aber es gibt die andere Seite mit der Fifa, die ein korrupter Drecksverein ist. Manchmal denke ich, ich müsste die WM boykottieren.

2006 haben Sie den WM-Hit geliefert. Wie schlimm ist es für eine Band aus der Indie-Szene, in der man sich vom Mainstream abgrenzt, wenn plötzlich das ganze Land mitsingt? 

Brugger: Es ist krass und unwirklich. Viele junge Bands gehen an so etwas zugrunde. Wir hatten Gott sei Dank schon zehn Jahre Band-Geschichte auf dem Buckel. Aber es ist auch ein total schönes Gefühl, wenn man sieht, dass die Leute Bock auf das haben, was man sich im Kämmerlein ausdenkt. Das ist ein Geschenk.

Danach hatte die Band eine Identitätskrise. 

Brugger: Wir wurden nur noch auf dieses eine Lied reduziert. Das wollten wir natürlich nicht. Wir wollten klarstellen, dass wir eine Band sind, die alle möglichen Themen hat. Freigeschwommen haben wir uns erst mit unserem Unplugged-Album 2009.

Und jetzt können Sie sich unbeschwert freuen, wenn Sie in den Charts ganz oben stehen? 

Brugger: Ja, aber noch mehr freuen wir uns über die Reaktionen bei Konzerten. Charts, in denen wir ganz oben stehen, sind toll. Die hängt man sich auf. Davon träumt man schließlich als Kind. Aber ein noch viel tolleres Gefühl ist es zu sehen, dass unsere Lieder Menschen etwas bedeuten.

In Ihrem Studio hängen also die Charts, in der die Sporties ganz oben stehen? 

Brugger: Auf jeden Fall. Bei unserem Bassist Rüde hängen sie, glaube ich, auf dem Klo.

Das neue Album finden alle gut. Unsere Kinder sind fünf und acht und hören „New York, Rio, Rosenheim“ rauf und runter. 

Brugger: Oh je. Können Sie es überhaupt noch hören?

Ja, das Album gefällt mir immer noch, aber ich frage mich, ob ich die Kinder zum Konzert mitbringen soll. 

Brugger: Wenn Sie etwas für die Ohren mitnehmen, können Sie das mit gutem Gewissen tun. Immer mehr Leute bringen ihre Kinder mit. Ich finde das schön. Das erste Konzert prägt einen, das vergisst man nicht. Das ist wie beim ersten Kuss. Bei mir war es übrigens Deep Purple, ich war 15.

Ihr Kumpel, der WM-Experte Mehmet Scholl, hat gerade einen schönen Sampler mit Indie-Bands veröffentlicht. War klar, dass er auch von Ihnen einen Song auswählt? 

Brugger: Nein, ich war überrascht, als er gefragt hat. Aber ich finde es natürlich schön, dass er das nach wie vor mag. Es ist toll, dass auf dem Album nun eine Live-Version von „Wunderbaren Jahren“ drauf ist. Das Lied ist für uns etwas Besonderes und erinnert uns daran, was wir alles so erleben durften mit der Band.

Was denken Sie, wenn Sie ganz frühe Aufnahmen von sich hören? 

Brugger: Teilweise schüttelt es mich, gerade wenn ich mich singen höre. Auf der anderen Seite finde ich es toll, welche Energie wir hatten. Es ist erstaunlich, wie mutig wir damals waren, auf die Bühne zu gehen und unser Ding rauszuhauen.

Sportfreunde Stiller live: 18. Juli, 20 Uhr, Schlosspark Wilhelmsthal (Calden). Tickets beim HNA-Kartenservice, 0561/203-204. 

Zur Band

Mitglieder: Peter Brugger (von links, 41, Gitarre, Gesang), Rüdiger Linhof (41, Bass), Florian Weber (40, Schlagzeug) Gegründet: 1996

Stil: Anfangs Indierock, „mittlerweile stehen wir zwischen allen Genres“, sagt Linhof.

Privates: Sänger Brugger, der sein Sportstudium einst für die Musik abgebrochen hat, lebt in der Nähe von München, hält sein Privatleben geheim und betreibt mit Freunden im Münchner Glockenbachviertel den Live-Club „Milla“. Foto: von Foris

Von Matthias Lohr

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