Neu im Kino: Wes Andersons skurrile Komödie „Moonrise Kingdom“

Pfadfinderlager der Liebe

Suchen ihren Weg: Suzy (Kara Hayward) und Sam (Jared Gilman). Foto:  dapd

Als Zeichen seiner Liebe sammelt Sam zwei leuchtend grüne Käfer und steckt sie auf Angelhaken - so kann Suzy die farbenfrohen Krabbler als Ohrringe tragen. Die beiden Zwölfjährigen sind heimlich in die Wildnis geflohen - Waisenjunge Sam aus einem Pfadfinderlager, wo er mit seiner schiefen Brille der unbeliebteste Scout war, Suzy aus ihrer schrulligen Familie, wo die Mutter mit der Flüstertüte zum Abendessen ruft und sie sich völlig unverstanden fühlt.

Skurrilen Humor und viel Poesie packt Wes Anderson in seinen Film „Moonrise Kingdom“, der die Filmfestspiele in Cannes eröffnet hat und nun in den deutschen Kinos läuft. Wie schon in „Die Tiefseetaucher“ und „Die Royal Tenenbaums“ zelebriert Anderson seine große Liebe zum Film und spielt dessen visuelle Möglichkeiten voll aus. Jede einzelne Szene ist detailverliebt komponiert, Einrichtungen, Requisiten und Kleidung sind völlig schräg durchgestaltet. Im Abspann gibt es allein für die Designer der eigens gezeichneten Einbände jener erfundenen Jugendbücher, die Suzy im Film liest, eine umfangreiche Würdigung.

„Moonrise Kingdom“ ist ein großes Kinovergnügen. Die Kinder-Darsteller Kara Hayward (Suzy) und Jared Gilman (Sam) begeistern in der Ernsthaftigkeit, mit der sie das Kennenlernen und die junge Liebe zeigen. Dank Sams Pfadfinderfähigkeiten (er hat das Knopfhölzchen in Kartografie) können er und Suzy in einer romantischen Bucht auf der abgelegenen neuenglischen Insel, auf der der Film angesiedelt ist, ihr Paradies finden. Zwischen Trockenfleisch-Snacks, Zelt und tragbarem Plattenspieler wächst ihre Liebe, trauen sie sich den ersten Kuss - mit Zunge.

Bis die Erwachsenen alles zerstören. Oberpfadfinder Ward (Edward Norton), Suzys verpeilte Eltern (Frances McDormand und Bill Murray) und der trottelige Sheriff (Bruce Willis) fleddern das Lager und reißen die beiden jungen Menschen (vorübergehend) auseinander. Wie sie im Angesicht der Kinder aber mehr und mehr merken, dass ihr eigenes Lebensglück brüchig ist, ist von Wes Anderson wunderbar subtil in den skurrilen Plot eingezeichnet. Die großartigen Darsteller - dazu kommt Tilda Swinton in einer kleinen Rolle als Amtsperson - balancieren zwischen menschlicher Not und bizarrem Lifestyle.

Schließlich bricht über die Insel ein Jahrhundert-Unwetter herein, und triefend durchnässt werden alle Aggressionen und alle Verständnislosigkeit auf Null zurückgestellt. Eine Kinder-Liebe im Pfadfindermilieu der 60er-Jahre zu erzählen, ist ein Coup. Anderson ist aber weit entfernt von Retro-Nostalgie. Und als Weisheit fürs Leben kann man sich merken: Wenn dein Kopf heiß wird, nimm die Waschbärenmütze ab.

Genre: Komödie

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: !!!!!

www.hna.de/kino

Von Bettina Fraschke

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