Volle Kirchen an Weihnachten

Pfarrerin Johanna Waldmann vor ihrer ersten Weihnachtspredigt

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Hält an Weihnachten sechs Gottesdienste in nicht einmal 24 Stunden: Johanna Waldmann ist Pfarrerin in den Caldener Ortsteilen Ehrsten, Fürstenwald und Meimbressen (Landkreis Kassel).

Laut Umfragen will ein Drittel der Deutschen Weihnachten einen Gottesdienst besuchen. Anders als sonst sind die Kirchen voll. Wie bereitet sich eine junge Pfarrerin darauf vor?

Weihnachten in der Kirche 

An Weihnachten werde ich zum ersten Mal sechs Gottesdienste in nicht einmal 24 Stunden halten. Ich hoffe, meine Stimme macht das mit. Unsere Gemeinde besteht aus den drei Caldener Orten Ehrsten, Fürstenwald und Meimbressen. Dort gibt es an Heiligabend je einen Nachmittagsgottesdienst, zwei davon mit Krippenspiel. Auch im dritten werde ich etwas für die Kinder machen: einen Dialog mit einem Raben als Handpuppe.

Am 1. Weihnachtstag stehe ich ganz früh auf: In Ehrsten gibt es traditionell um 6 Uhr einen Gottesdienst - als Pendant zur Osternacht, mit viel Licht. Darauf freue ich mich sehr. Dort und in den beiden weiteren Gottesdiensten werde ich die Weihnachtspredigt halten. Es geht um das Geschenk, das Gott uns in Jesus gemacht hat, und dass Weihnachten nur von Ostern her zu denken ist. Es heißt ja: „Krippe und Kreuz sind aus demselben Holz geschnitzt.“

Die Predigt 

Wenn man mich fragt, warum ich Pfarrerin geworden bin, antworte ich manchmal, dass ich schon als Kind gepredigt habe: Ich habe Puppen getauft und tote Tiere beerdigt, die unsere Katze gefangen hat. Im Studium habe ich dann gelernt, dass man sich intensiv mit dem Bibeltext auseinanderzusetzen muss, das allein aber nicht reicht.

Wichtig sind die Begegnungen mit den Menschen. Die bestrecherchierte Predigt bringt nichts, wenn man an der Gemeinde vorbeiredet. Schon Martin Luther hat gesagt: „Man muss den Leuten aufs Maul schauen.“

Meine Weihnachtspredigt dauert knapp zehn Minuten. Ich schreibe mir den Text auf, lese ihn aber nicht einfach ab. Erste Reaktionen darauf bekomme ich, wenn ich die Gemeinde am Ende an der Tür verabschiede.

Die volle Kirche 

Wahrscheinlich werde ich an Weihnachten aufgeregter sein als sonst - schon allein deshalb, weil mehr Leute beteiligt sein werden. Während ich die sonstigen Gottesdienste mit der Organistin und der Küsterin oft allein gestalte, sind diesmal der Jugenddiakon, die Konfirmanden und viele andere mit dabei.

Und natürlich werden die Bänke voll sein. An normalen Sonntagen sind wir auch schon mal zu zwölft. An Weihnachten werden es jeweils über 100 Besucher sein. Das freut alle. Manche Theologen nennen die Besucher, die nur zu Weihnachten kommen, „U-Boot-Christen“, weil sie sonst nicht auftauchen. Der größte Fehler, den ein Pfarrer machen kann, ist es, diesen Gläubigen ein schlechtes Gewissen zu machen.

Es bringt auch nichts, den Entertainer zu geben, damit möglichst viele wiederkommen. Als Pfarrer muss man man selbst bleiben. Sonst ist man nicht glaubwürdig.

Die Flüchtlinge 

Flüchtlinge spielen in diesem Jahr eine große Rolle - gerade an Weihnachten, auch Maria und Josef mussten ja später mit Jesus fliehen. In Meimbressen kommen oft Menschen aus der Erstaufnahmeeinrichtung Calden in den Gottesdienst. Ich begrüße sie auf Englisch, wobei manche nur Syrisch sprechen.

Die Familie

Meine Eltern und mein Bruder kommen an Heiligabend zu mir nach Ehrsten. Während ich die Gottesdienste feiere, bereiten sie das Essen zu, um dann zusammen zu feiern. Meinen Freund sehe ich am 1. Weihnachtstag. Für Pfarrer ist Weihnachten ganz anders als für alle anderen. Aber das weiß jeder, der sich auf den Beruf einlässt.

Zur Person

Johanna Waldmann

Geboren: 1983 in Göttingen

Aufgewachsen: in Fuldabrück-Dittershausen bei Kassel

Ausbildung: Studium der Evangelischen Theologie in Hamburg, Göttingen und Amsterdam. Vikariat in Alt-Wildungen und am Predigerseminar Hofgeismar. Seit dem 1. November ist sie Pfarrerin in den Caldener Ortsteilen Ehrsten (730 Einwohner), Fürstenwald (1080) und Meimbressen (920).

Hier der Text der Predigt

Liebe Gemeinde, wir haben uns hier im Dunkeln versammelt, um aus der Dunkelheit heraus das Licht zu begrüßen und die Geburt Jesu Christi zu feiern. Jesus sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8) In Italien habe ich vor einem Jahr, bei der Studienreise unseres Vikaritaskurses in einem alten Buchladen kleine Jesusbildchen gesehen. Kleiner als eine Visitenkarte, auf vergilbtem Papier. Auf einem befand sich ein Jesus in satten Farben. Ein blaues Gewand liegt über einem roten Kleid. Auf seiner Brust prangt ein Herz, von dem helle Strahlen ausgehen. Seine linke Hand weißt auf sein Herz und erstrahlt richtig. Seine rechte Hand macht eine Segensgeste. Über dem Herz befindet sich ein Kreuz. Dieser Jesus hat dunkle, lange, lockige Haare und einen Bart. Ein leichter Heiligenschein kreist um seinen Kopf. Solch kitschige Bilder von Jesus bin ich ehrlich gesagt nicht gewohnt. Und doch wird mir bei dem Bild sofort klar: Gottes Liebe strahlt durch Christus in unsere Welt.

Ich habe heute ein besonderes Licht dabei: Es ist das Friedenslicht aus Bethlehem. Einige von Ihnen werden das schon kennen. Die Aktion Friedenslicht gibt es seit 1986. Jedes Jahr entzündet ein Kind das Licht an der Flamme der Geburtsgrotte Jesu Christi in Betlehem an. Es wird im Flugzeug von Israel nach Wien geflogen und von dort in alle Welt verteilt. Pfadfinder bringen es mit dem Zug auch nach Deutschland. Von der Bahn werden dafür extra Sonderzüge eingerichtet, in denen die Kerzen mitgenommen werden dürfen. Diese kleine Flamme hat also einen weiten und beschwerlichen Weg zurückgelegt. Sie hat Grenzen überwunden, die von manchen Menschen nicht überwunden werden können. Sie leuchtet als weltweiter Friedensbote. Das Friedenslicht wird bewusst in der Geburtsgrotte in Bethlehem entzündet. An dem Ort, an dem der Geburt Jesu gedacht wird. Jesus, der als das wahre Licht bezeichnet wird. Mit Jesu Geburt verändert Gott etwas in der Welt. Durch ihn wird es hell in der Dunkelheit. Zunächst im Stall in Bethlehem. Maria und Josef strahlen, als sie ihr Kind sehen. Die Hirten strahlen, als sie das Kind in der Krippe liegen sehen. Später dann die Könige. Aber das Strahlen durchzieht auch Jesu Leben. Er heilt Blinde und schenkt ihnen das Augenlicht wieder. Wie müssen die gestrahlt haben. Er bringt den Menschen Hoffnung, so dass sie erstrahlen und vor der Finsternis keine Angst mehr haben müssen. Seine Freundlichkeit und Menschenliebe spricht uns durch die Geschichten auch 2000 Jahre später noch an.

Bei Titus (3,4-7) heißt es: Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden.

Gott macht sich uns gleich, begibt sich hinab, kommt auf der Erde an. Ist bedürftig, wie ein Kind zum Anfang des Lebens bedürftig ist. Gott ist zärtlich, indem er seinen Sohn schickt. Der Sohn ist mutig, indem er sich in die Hände von den Menschen begibt, indem er uns gleich wird und doch anders bleibt.

In einem Weihnachtslied heißt es: Er wechselt mit uns wunderlich: Fleisch und Blut nimmt er an und gibt uns in seins Vaters Reich die klare Gottheit dran. (EG 27,4 Lobt Gott, ihr Christen)

Hier wird genau das beschrieben, was auch im Predigttext vorkommt: Gott lässt uns durch Jesus an seiner Gottheit teilhaben, indem Jesus Fleisch und Blut wird. Im Abendmahl erinnern wir uns dessen ganz besonders. Jesus sprach bei seinem letzten Mahl mit seinen Jüngern Worte, die wir auch heute wieder hören werden, wenn wir das Abendmahl feiern. Beim Brot sagte er: Nehmet hin und esset, dies ist meint Leib, der für euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis. Beim Wein sagte er: Nehmet hin und trinket alle daraus, dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden; solches tut, so oft ihr s trinket, zu meinem Gedächtnis. Indem er diese Worte sprach und wir sie beim Abendmahl wiederholen, vergegenwärtigt sich Christus im Abendmahl selbst. Das Blut ist einmal vergossen und unsere Schuld hat er auf sich genommen. Ein wundersamer Tausch, an dem wir im Abendmahl Teil haben. Ein kleines Ereignis, dass sich nur schwer erklären lässt, aber uns das Leben erleichtern kann. Jesus, der selbst keine Sünde auf sich geladen hat, stirbt für jeden einzelnen von uns, weil wir nicht immer gut sind, weil wir Fehler machen, die wir nicht wieder gut machen können. Er stirbt für uns, aber nicht, weil Gott ohne die Strafe nicht leben kann, sondern weil wir Menschen Gerechtigkeit brauchen, die wir nicht selbst herstellen können. Das ist der Grund, warum wir nicht durch unsere gerechten Werke bewertet werden, sondern von der Barmherzigkeit Gottes leben.

In diesen Tagen feiern wir Jesu Geburt, die aber eben ohne das was dann an Ostern kommt, also Jesu Tod und Auferstehung nicht zu denken ist. Denn Krippe und Kreuz sind, so sagt man, aus demselben Holz geschnitzt. Und die Krippe ist für alle da. Jede und jeder ist eingeladen sich auf den Weg zur Krippe zu machen, um dem Wunder in Jesus Christus unserem Heiland zu begegnen.

Ich habe mal versucht in Worte zu fassen, was alles bei Jesus mitgedacht wird, wenn er wie hier bei Titus als Heiland bezeichnet wird:

Jesus 

Gott, König, Herrscher. Er war reich, ja überreich, im Himmel bei seinem Vater. Ihm fehlte es an nichts – außer an der Nähe zu den Menschen. 

Jesus

Gottes Sohn, Marien Sohn, ein Kind in der Krippe. Er war arm und abhängig als er auf die Erde kam. Er hatte nichts – außer der Nähe zu seinen Eltern.

Jesus 

Wundertäter, Lehrer, einer, der zum Umdenken anregt. Er war arm und heimatlos, als er auf der Erde umherzog. Er hatte nichts – außer seinen Jüngern, die ihm folgten.

Jesus 

Wundertäter, Lehrer, einer, der zum Umdenken anregt. Er war arm und heimatlos, als er auf der Erde umherzog. Er hatte nichts – außer seinen Jüngern, die ihm folgten.

Jesus 

Auferstandener, Himmelsfahrer, unser Herr und Heiland. Er war arm, aber hat uns überreich gemacht, als er den Tod für uns durchdrang.

Jesus bringt Erlösung und Liebe in die Welt. Er will uns Menschen frei machen von altem, von Schuld und von Angst. Er will, dass wir leben und lieben und loben. Er will uns im Überfluss beschenken. Er will, dass wir das Geschenk der Gnade annehmen.

Erlösung von Schuld. Liebe statt Angst. Ewiges Leben.

Gott wendet sich dir und seiner Welt weiter zu. Jeden Tag strahlt sein Licht erneut in unsere Welt und schürt die Hoffnung in uns Erben des ewigen Lebens zu werden: Und je mehr wir auf sein Licht schauen, desto mehr werden wir von seinem Licht entdecken. Sein Heiliger Geist kommt über uns und wir können neu sehen, hören, spüren und handeln. Geh also deinen Weg mit seinem Wort, es ist deines Fußes Leuchte – über diese Weihnachtstage hinaus ins neue Jahr hinein. Sein Wort ist Leben und Licht. Amen.

Predigt von Pfarrerin Johanna Waldmann, Kirchspiel Ehrsten Aufgenommen im Frühgottesdienst am 25. 12. 2015 um 6.00 Uhr.

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