Neu im Kino: Die Multikulti-Komödie „Almanya“ erzählt ironisch von türkisch-deutscher Integration

Pflicht zum Schweinebraten

Ankunft in Deutschland in den 60er-Jahren: Die Familie Yilmaz mit Muhamed, Leyla, Hüseyin, Fatma und vorn Veli (von links: Kaan Aydogdu, Aliya Artuc, Fahri Yardim, Demet Gül, vorn Aycan Vardar). Foto: Concorde

Beim Überreichen ihres deutschen Passes klärt der Beamte die türkischen Gastarbeiter Hüseyin und Fatma über ihre neuen Pflichten als Deutsche auf: Sie müssen fortan zweimal die Woche Schweinebraten essen, Urlaub auf Mallorca machen und sonntags „Tatort“ schauen. Als der Rathausmann dann Schweinshaxen serviert, wacht Hüseyin dankbar wieder auf. Ein schlechter Traum.

Die Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli treiben in ihrem Spielfilmdebüt „Almanya - Willkommen in Deutschland“ der Leitkulturdiskussion die Verbissenheit aus und setzen ein witziges, aber nicht allzu tiefgründiges Gegengewicht zu allen Sarrazin-Debatten. Sie erzählen die Geschichte vom 1 000 001. Gastarbeiter. Der Millionste wurde in den 60er-Jahren noch groß gefeiert. Aber was wurde aus dem danach? Bewusst unaufgeregt erzählen die Filmemacherinnen, die bei der TV-Serie „Türkisch für Anfänger“ mitgewirkt haben, von der geglückten Integration einer ganz normalen anatolischstämmigen Familie.

Dabei entlarven sie Vorurteile auf beiden Seiten, deutsche wie türkische. Diese Selbstironie verleiht dem Film eine angenehme Lässigkeit. Es geht los in der Gegenwart: Die Großfamilie Yilmaz versammelt sich. Hüseyin (Vedat Erincin) und Fatma (Lilay Huser) sind nun eingebürgert - ohne Haxenessen - und Großvater Hüseyin überrascht die Familie mit der Ankündigung, er habe in der Türkei ein Haus gekauft und alle sollen dort den Urlaub verbringen.

Kinder, Schwiegerkinder und Enkel sind geschockt, der jüngste Enkel, Cenk, fragt nach, wie das damals war, als Hüseyin vor 45 Jahren nach Deutschland kam.

Souverän wechseln die Samderelis zwischen den Zeitebenen, haben eine retro-bunte Bildsprache für die Rückblenden in die 60er gefunden und binden auch historische Filmaufnahmen mit ein, die deutlich machen sollen, wie dringend die Bundesregierung die Arbeitskräfte brauchte.

Unverkennbar autobiografisch gefärbt sind die witzigen Anekdoten aus dem Alltag der Neuankömmlinge - die Kinder gruseln sich bei der Vorstellung, die Deutschen tränken das Blut eines Gekreuzigten, auf ihr Drängen wird Weihnachten gefeiert - was in einer unfeierlichen Katastrophe endet. Die Deutschen sprechen anfangs in einer bizarren Kunstsprache - so wird klar, wie es sich anfühlt, in einer Umgebung zu leben, deren Sprache man nicht versteht.

Typisch deutsch sind Vorwürfe, der Film ginge nicht ernsthaft auf gravierende deutsche Diskriminierungen und türkische Integrationsverweigerer ein. Nein, tut er nicht. Aber er macht komö-diantisch-leicht den millionenfachen unspektakulären Alltag der integrierten Migranten sichtbar. Und bringt das Lachen in die Debatte.

Genre: Komödie

Altersfreigabe: ab 6

Wertung: !!!!:

www.hna.de/kino

Von Bettina Fraschke

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