Schirin Khodadadian inszeniert am Staatstheater Schillers „Maria Stuart“ - Premiere am Samstag

Pflicht statt Freiheit oder Liebe

Kassel. Friedrich Schillers Königinnendrama „Maria Stuart“ steht als neue Produktion auf dem Spielplan des Staatstheaters. Im Großbritannien des 16. Jahrhunderts erhebt die Katholikin Maria Stuart Anspruch auf den Thron.

Ihre Kontrahentin, die protestantische Königin Elisabeth I., hält sie gefangen und lässt sie enthaupten. Im Drama kommt es zu einer von Schiller erfundenen Begegnung der Königinnen - da spielt neben der Politik auch die Liebe eine Rolle. Beide lieben den Grafen von Leicester. Schirin Khodadadian inszeniert, Agnes Mann und Anke Stedingk spielen Maria Stuart und Elisabeth. Wir befragten das Trio zu den zentralen Themen des Stücks.

Thema Staat/Politik

Schirin Khodadadian: Man sieht es am Personenverzeichnis. Noch bevor das Stück angefangen hat, macht Schiller klar, dass es nur um Funktionen geht. Die Figuren werden mit ihren Titeln, nicht mit ihren Beziehungsverhältnissen vorgestellt. Mir geht es genau darum: Was ist der Mensch innerhalb eines sozialen Gefüges? Und wir stellen fest: Am Ende geht fast jeder unter.

Agnes Mann: Ich weiß nicht, wie man spielt, so lang gefangen gehalten zu sein. Klar ist: Maria hat recht. Deshalb hat sie immer die Hoffnung, ihr Recht durchzusetzen. Irre, dass Schiller diese Begegnung der Frauen aufgeschrieben hat, die es ja nie gab.

Khodadadian: Und es zeigt sich: Diese Begegnung der Königinnen ändert nichts.

Mann: Letztlich geht es darum, dass zwei Frauen den gleichen Mann lieben. Genau dann, wenn sie eine Chance haben, etwas zu verändern, bedienen sie die Erwartungen der anderen am besten.

Anke Stedingk: Elisabeth ist entscheidungsunfähig. Sie kann eigentlich nicht handeln. Ihre Berater werden im Sinne des Protokolls tätig, sie bleibt aber selbst in ihrem Korsett, in das sie fest eingebunden ist.

Thema Freiheit

Khodadadian: Elisabeth wird überrumpelt von der Gesprächsmöglichkeit mit der Rivalin. Maria war zwar vorbereitet, sie kann aber mit dem Moment der Freiheit nicht umgehen. In der Begegnung spitzen sich die Konflikte zwischen Öffentlich und Privat, Schein und Sein zu. Dazu passend haben wir für die Bühne einen Raum gebaut, in dem man nie unbeobachtet ist.

Mann: Für Maria ist erst der Weg zum Schafott ein Stück Freiheit. Für mich als Maria ist es aber schwer, dieses Schicksal zu akzeptieren. ich bin nicht versöhnend. Man muss sich einreden, dass alles am Ende einen Sinn macht, aber ich finde Maria nicht frei.

Stedingk: Elisabeth ist auch nicht frei. Sie ringt sich durch zu der Entscheidung: Marias Kopf fällt. Dann erlebt sie einen kurzen Moment von Freiheit, als sie sagt: Hab ich endlich Raum auf dieser Erde.

Thema Liebe und Erotik

Khodadadian: Das Stück ist aufgeladen mit diesen Themen. Wir fragen, wie ein Mensch zu einer persönlichen Glückserfüllung kommen kann.

Mann: Maria ist eine Projektionsfläche für Sehnsüchte der Männer. Sie selbst würde gern über ihren Intellekt wahrgenommen werden. das gelingt ihr nicht.

Stedingk: Elisabeth wünscht sich nichts mehr als Liebe. Aber sie ist der Staat.

Thema Körper

Stedingk: Elisabeths Weiblichkeit steht im Dienst des Staates. Dabei spielt mein Kostüm eine wichtige Rolle. Ich bin ständig beschäftigt, mich emotional in Fassung zu bringen.

Mann: Maria ist schutzlos. Ausgeliefert wie ein wildes Tierchen. Deshalb bin ich barfuss. Das gibt mir aber auch eine größere körperliche Freiheit. Erst wenn Maria zum Schafott geht, kann sie die Anstrengung aufgeben, aus dem Bild herauszutreten, das man sich von ihr macht.

Premiere: Samstag. Heute, 19.30 Uhr: Kostprobe im Schauspielhaus. Karten: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

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