Phantom des Pop: Peter Licht in Göttingen

Lässt sein Gesicht nie fotografieren: Peter Licht. Foto: Knieps

Göttingen. Peter Licht ist selbst schuld, dass niemand klatscht, als er die Bühne des Deutschen Theaters in Göttingen betritt. Seit Jahren versteckt der Kölner Musiker und Autor sein Gesicht.

Als er in der „Harald Schmidt Show“ auftrat, zeigte die Kamera nur seine Gitarre, beim renommierten Ingeborg-Bachmann-Literaturwettbewerb in Klagenfurt war er lediglich von hinten zu sehen.

Es klatscht also niemand, weil dieser blasse Mann mit schütterem Haar, Dreitagebart und der großen schwarzen Brille auch ein Roadie sein könnte, der noch einmal die Gitarre stimmen will. Aber es ist tatsächlich Peter Licht, der erst einmal zehn Minuten lang einen Text über kommunizierende Reizdarmröhren vorliest. Licht, der sich auch schon Meinrad Jungblut nannte und zuletzt ein Theaterstück für Kinder schrieb, ist nicht nur ein Pop-Phantom, das sich den Mechanismen der Branche verweigert, sondern auch ein Meister des Absurden. Er hat kein Gesicht, aber Gewicht.

Seine konsumskeptischen Lieder über das Ende des Kapitalismus, die übersexualisierte Gesellschaft und das iPhone, das „an der Biegung des Flusses begraben“ werden soll, sind eine Mischung aus Soziologieseminar und Comedy. In Göttingen trägt Licht die Songs mit seinem Keyboarder reduziert vor. Es ist fast ein Unplugged-Konzert, aber die im Original nach New Wave und Indie-Pop klingenden Stücke entfalten auch so ihre Wirkung.

Im sehr schönen „Trennungslied“ besingt Licht gescheiterte Beziehungen und vergisst zwischendurch immer wieder den Text. So scheint es jedenfalls, denn bei Licht weiß man nie, was echt ist. Das Publikum kennt jedoch alle Strophen über die Liebesopfer. Und so geht es weiter: „Nur Silke und Sören haben nix zum Entstören. Sie werden sich trennen, bevor sie sich kennen.“

Je länger der Abend dauert, desto heller strahlt dieser Licht: mit einer grotesk-komischen Geschichte über Zahnpasta, die er per Unterdruck zurück in die Tube bringt, und mit dekonstruierenden Versionen seiner Hits wie „Sonnendeck“. Nach zwei Stunden gibt es stürmischen Applaus. Den hat sich Licht verdient.

Von Matthias Lohr

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