Phil Collins im Interview: „Ich brauche das Geld nicht mehr“

Phil Collins ist wieder da: Nach acht Jahren Albumpause, einer letzten Tournee mit Genesis und gesundheitlichen Problemen veröffentlicht der britische Sänger und Schlagzeuger heute sein neues Album „Going Back“ - eine schmissige Sammlung von bekannten, aber auch unbekannten Songs aus der Motown-Ära.

Auf dem Cover sieht man Collins als Elfjährigen am Schlagzeug. Wir trafen den 59-Jährigen in einem Genfer Hotel, nicht weit von seinem Wohnort.

Phil, was hat Sie dazu bewogen, ein Album voller Motown-Songs aufzunehmen?

Phil Collins: Ich hatte Lust dazu. Und aus Liebe zu diesen Liedern. Das ist für mich ja kein neues Genre. „You Can’t Hurry Love“, „Two Hearts“ oder „Going Loco In Acapulco“ habe ich in den Achtzigern aufgenommen, weil ich Motown liebe. Dieses Album hat immer schon darauf gewartet, dass ich es endlich mache. Es hat bloß ziemlich lange warten müssen

Ihre Versionen klingen praktisch wie in den alten Zeiten.

Collins: Das sollten sie auch. Ich wollte keine hippen Songs. Meine Prämisse war vielmehr, eine alte Platte zu machen. Ich will nicht sagen, dass ich faul war. Aber ich sah es nicht als notwendig an, diese Stücke zu renovieren. Denn so wie sie sind, sind sie perfekt. Okay, mit ein paar Songs habe ich mir ein paar Freiheiten erlaubt. „Blame It On The Sun“ etwa ist weniger ausgelassen als die Version von Stevie Wonder. „Papa Was A Rolling Stone“ ist ziemlich identisch mit dem Original der Temptations.

Nach Jahren mit viel Häme heißt es plötzlich in den Medien, der Phil sei eine verdammt coole Socke. Verblüfft Sie das?

Collins: Ich glaube kein Wort davon. Sie etwa?

In den Neunzigern hing vielen Ihre Musik zum Hals raus, doch inzwischen hört man die Lieder wieder gern - weil sie nicht mehr so allgegenwärtig sind.

Collins: Klar, da wird schon was dran sein. Die Ausschläge waren wirklich extrem. Vom meistgeliebten bis zum innig gehassten Musiker war der Weg für mich nur kurz. Und jetzt schreiben die Journalisten tatsächlich wieder nette und freundliche Sachen über mich.

Woran mag das liegen?

Collins: Ich glaube, die Menschen entdecken und bewerten mich neu. Das liegt daran, dass ich acht Jahre weg war. Dann haben wir noch eine Tour mit Genesis gemacht, und eine große Menge wirklich junger Leute kam an und meinte „Fuck, ihr seid ja echt gut“.

Haben Sie damit gehadert, trotz des Riesenerfolgs keine künstlerische Anerkennung zu bekommen?

Collins: Das ist richtig, das tat mir weh. Ich habe mich oft gefühlt wie ein Schwimmer, der von der öffentlichen Meinung immer wieder unter Wasser gedrückt wird. Jetzt lassen mich die Leute in Ruhe schwimmen. Ich meine, ich bin ein verdammt guter Schlagzeuger, ich habe ein paar wirklich gute Songs geschrieben und ich habe das Gefühl, heute endlich Luft zu bekommen, atmen und mich wohl fühlen zu können.

Noch ein paar Beispiele. In einem Werbespot für „Cadbury’s“-Schokolade spielt ein Gorilla Ihren größten Hit „In The Air Tonight“ am Schlagzeug nach. Und im Anarchofilm „Hangover“ stimmt eine betrunkene Männerclique das Lied mit dem Boxer Mike Tyson sowie einem ausgewachsenen Tiger an.

Collins: Herrlich, oder? Ich liebe diese Szene in „Hangover“. Die Szene mit Mike Tyson, einem wirklich kantigen, unberechenbaren, feurigen Koloss, ist echt irre.

Wird „Going Back“ Ihr letztes Album sein?

Collins: Ich werde sehr wahrscheinlich für immer Songs schreiben. Und wenn ich diese Songs komponiert habe, dann gibt es eine kleine Möglichkeit, dass ich sie vielleicht irgendwann veröffentliche. Aber vom Kopf her ist „Going Back“ mein letztes Album. Ich brauche das Geld nicht mehr, mir machen das Reisen, all die blöden TV-Shows keinen Spaß mehr, und außerdem ist mein Plattenvertrag erfüllt. Diese Freiheit ist großartig. Auch wenn mein Manager sagt, ich solle nicht erzählen „Ich höre auf“, denn damit würde ich mir selbst die Tür zuschlagen, falls ich es mir anders überlege.

Phil Collins: Going Back (Warner).

Zur Person

Geboren: 30. Januar 1951 in London

Beruf: Schlagzeuger, Sänger und Schauspieler

Anfänge: Spielte 1964 als Teenager in einer Massenszene des Beatles-Films „A Hard Days Night“ mit

Karriere: Stieg 1970 als Schlagzeuger bei Genesis ein und wurde 1975 nach Peter Gabriels Ausstieg auch Sänger.

Größte Solo-Hits: „In The Air Tonight“ (1981), „You Can’t Hurry Love“ (1981) und „Another Day in Paradise“ (1989).

Verkaufte Platten: 250 Millionen.

Privates: dreimal geschieden, fünf Kinder; lebt in Féchy in der Nähe von Genf; führt eine Fernbeziehung zur amerikanischen TV-Journalistin Dana Tyler.

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