Literarischer Frühling auf Schloss Waldeck

Philosoph Sloterdijk: Kritik an Bundesregierung wegen Böhmermann

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Bedächtig aber bissig: Peter Sloterdijk .

Waldeck. Der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk war am Sonntag beim Literarischen Frühling zu Gast. Auf Schloss Waldeck übte er im Fall Böhmermann Kritik an der Bundesregierung.

„Hinterm Wald ist nicht hinterm Mond“, nannte Festival-Organisatorin Christiane Kohl am Sonntag ein heimliches Motto des Literarischen Frühlings. Dazu passte der erste Auftritt eines „leibhaftigen Philosophen“ in der verdienstvollen Veranstaltungsreihe dreier Hotels im Kreis Waldeck-Framkenberg.

Der Karlsruher Professor Peter Sloterdijk (68) hat gerade mit einer Auseinandersetzung mit dem Politikwissenschaftler Herfried Münkler für Schlagzeilen in den Feuilletons gesorgt. Die Regierung Merkel habe sich „in einem Akt des Souveränitätsverzichts der Überrollung preisgegeben“, hatte er im „Cicero“-Interview die Flüchtlingspolitik kritisiert. Die Politik offener Grenzen könne „final nicht gut gehen“.

Moderator Jochen Bittner, aus Frankenberg stammender politischer Redakteur der „Zeit“, stieg gleich mit der aktuellen Debatte ein. Sloterdijk bekräftigte seine Äußerungen nicht, wunderte sich lediglich, dass „30 Bücher anderslautenden Inhalts nichts wiegen gegen eine schnell hingeworfenene Bemerkung“ in der „Reflexpolemik“ Münklers. Er verwies einfach darauf, man solle sich in fünf Jahren wiedertreffen und dann schauen, ob die Kanzlerin wirklich „eine große Strategie“ habe. Im Kopf des ihn kritisierenden Schriftstellers Richard David Precht wolle er allerdings nicht stecken, sagte Sloterdijk, der sei „neurologisch falsch geschaltet“.

Generell werde in Deutschland auch deswegen nicht mit offenem Visier debattiert, weil früher oder später der Nazi-Vergleich komme. Dann gebe es keine Argumente mehr, sondern nur noch Schadensbegrenzung, „Anwaltsvernunft“. Dagegen gebe es in den USA ein bedingungsloses Frei-reden-dürfen ohne „sprachpolizeiliche Hemmnisse“.

Ein weiteres aktuelles Thema streifte das von Bittner souverän geleitete Gespräch sogleich: Jan Böhmermann. „Wenn ich sein Deutschlehrer wäre“, sagte Sloterdijk, dann würde er dessen Erdogan-Gedicht „nochmal zurück in die Werkstatt schicken“. Ziegen ficken und Türken unterdrücken, „das ist kein sauberer Reim“.

Während Böhmermann jetzt lediglich einen guten Reiseveranstalter brauche sowie einen Psychotherapeuten, der ihm helfe, seinen Prominenzschub zu verarbeiten, sei die Regierung wirklich in der Bredouille. Souverän agiert hätte sie, wenn sie von vornherein auf die ausschließliche Zuständigkeit der Gerichte verwiesen hätte. Wobei Sloterdijk auch kritisierte, dass die Justiz eine Parallelwelt bilde. Juristisches Wissen und Denken sei aus dem Kulturbegriff und der Allgemeinbildung abgespaltet: „Die Auslegung von Gesetzen ist fast so unberechenbar wie die Auslegung des Alten Testaments.“

Das allgemeine Unbehagen an der Politik stamme auch daher, dass es keine handlungsfähige Instanz gebe, die „Weltprobleme auf Weltniveau bearbeiten“ könne. Wenn gewählte Politiker „mit Verordnungen herumfuchteln, damit ist uns nicht geholfen“. Die Deutschen, bisher in doppelter Hinsicht die „Ferienweltmeister“, müssten auf „Schlechtwetterpolitik“ umstellen und schmerzlich lernen, dass man „auch bei widrigen Umständen den Kurs halten muss“.

Fantasien eines Weltstaats gebe es schon lange, auch Vorstellungen einer „global governance“, doch dafür gebe es weltgeschichtlich bislang kein Vorbild. Die internationale Seefahrt, das World Ocean Council, nannte Sloterdijk als Beispiel, wo es funktioniere, Prinzipien der Bürgerbewegung, eine „Bürgergesellschaft der Intelligenz“, auf eine internationale Ebene zu heben. Hier seien Argumente für die Europäische Union zu finden, dafür, etwas Großes zu konstruieren, was nicht-imperiales Format hat. Derzeit seien die europäischen „Spaltkräfte“ aber stärker.

Wo Sloterdijk mit Journalisten zusammenkomme, gebe es Missverständnisse, hatte Bittner gesagt - was der Philosoph sofort unter Beweis stellte, als er eine seines Erachtens falsche Überschrift von Bittners „Zeit“-Kollegen kritisierte. Sloterdijk sprach leise, bedächtig, aber äußerte sich bissig und ironisch, gipfelnd in der Vermutung, vielleicht finde sich ja doch noch eine Stasi-Akte Angela Merkels, wonach sie gehandelt habe, „wie man es ihr aufgetragen hat“. Sie habe den klassischen Konservatismus heimatlos gemacht, die SPD kannibalisiert, für eine Umschichtung der Parteienlandschaft gesorgt - „eine von der SED gesteuerte Racheaktion gegen die Bundesrepublik“.

Nun, „ausgewählte Übertreibungen“ waren die gut eineinhalb Stunden betitelt. Seine Aufgabe sei, das Publikum in einen Zustand der Wachheit zu versetzen, sagte Sloterdijk. Er stellte scharfsinnige Bezüge her zwischen Frühchristentum und Dadaismus („Sinndienstverweigerer“), dem Handel der Seefahrer und Gemälden Vermeers, zitierte Horaz, Goethe, Metternich und Nietzsche.

„Ich bin von Natur aus auf der melancholischen und pessimistischen Seite“, sagte Sloterdijk: „ein vom Leben widerlegter Pessimist.“ Eigentlich habe er zum Pessimismus kein Recht, „dafür hatte ich zu viel Glück“. Sein dunkler Ton sei wohl auch altersbedingt, wie ein nachgedunkeltes Gemälde müsse er eigentlich in die Werkstatt, um in zwei Jahren dem staunenden Publikum in frischer Farbe wieder präsentiert zu werden.

Zum Schluss las Sloterdijk ein Kapitel aus seinem für August angekündigten Roman „Das Schelling-Projekt“ über ein gescheitertes Forschungsprojekt zur weiblichen Erotik. Bittner fasste es so zusammen, dass mehrere Philosophen das Geheimnis der weiblichen Lust suchen. Protagonisten sind unter anderen eine Paläogynäkologin namens Agneta Stutensee und ein Südtiroler Forscher namens Guido Mösenlechzner. „Ein Buch, das sich als Sommerdroge hervorragend eignet“, versprach der Autor - was sich durch den Ausschnitt überhaupt nicht erschloss.

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