Klavierkonzert op. 25 aufgenommen

Außergewöhnliches Mendelssohn-Album von Pianist Martin Stadtfeld

Eigenwillig: Martin Stadtfeld mit seinem Hund Snoopy. Foto: dpa

Auch wenn sie unterschiedlichere Musikertypen kaum sein könnten: Zwei Dinge haben der deutsche Pianist Martin Stadtfeld (32) und sein chinesischer Kollege Lang Lang (30) gemeinsam. Beide spalten die Klavierfans in heftige Bewunderer und gnadenlose Verächter.

Und beide haben ein Klavierkonzert eingespielt, dem selbst die Großen der Pianistenzunft gern aus dem Weg gehen: das erste Klavierkozert op. 25 von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Mit einem Livemitschnitt dieses spieltechnisch äußerst anspruchsvollen Konzerts, der im vergangenen Sommer beim Rheingau-Musikfestival entstand, eröffnet Martin Stadtfeld sein neues Mendelssohn-Album. Und es hat den Anschein, als wolle er gleich zu Beginn zeigen, was für ein brillanter Pianist er ist. Vor allem der virtuose Schlusssatz ist eine eindrucksvolle Demonstration von Stadtfelds pianistischer Klasse. Der gebürtige Koblenzer verbindet Prägnanz mit perlender Leichtigkeit und wird von der Academy of St. Martin in the Fields mit Altmeister Sir Neville Marriner darin bestens unterstützt.

Was danach kommt, wirkt wie ein Schock: Mendelssohns „Variations sérieuses“, einer der schönsten romantischen Variationszyklen, klingen zunächst recht matt und trocken, fast hölzern. Ein Blick ins Booklet hilft weiter: Für die Solostücke hat Stadtfeld statt des Steinway-Flügels ein Bechstein-Instrument von 1861 gewählt, das eher dem historischen Klangbild von Mendelssohns Musik entspricht.

Mit einem Livemitschnitt dieses spieltechnisch äußerst anspruchsvollen Konzerts, der im vergangenen Sommer beim Rheingau-Musikfestival entstand, eröffnet Martin Stadtfeld sein neues Mendelssohn-Album.

Man kann geteilter Meinung sein, ob dies eine glückliche Entscheidung war. Wichtiger ist aber etwas anderes: Stadtfeld kratzt heftig am Bild Mendelssohns als dem supersensiblen, wenig geerdeten Romantiker und spielt die Varationen sehr handfest und geradeaus. Zusammen mit dem direkten Klavierton erscheint das Stück zunächst wie entzaubert. Doch je komplexer und virtuoser die Variationen werden, desto mehr scheint sich Stadtfeld in einen Rausch zu spielen.

Verstärkt wird der Eindruck von Stadtfelds geradlinigem, mitunter wildem Mendelssohn-Spiel bei einer Auswahl von zehn „Liedern ohne Worte“. Angenehm handfest klingen diese Stücke. Stadtfeld hält die Begleitstimmen gegtenüber der Melodiestimme bewusst nur wenig zurück. So hört man Mendelssohn sonst nie.

Eigenwillig ist auch, was Stadtfeld auf einer Bonus-CD anbietet: Neben Robert Schumanns „Erinnerung“ an Mendelssohn aus dem „Album für die Jugend“ spielt Stadtfeld drei Bach-Bearbeitungen, darunter eine eigene Transkription des Schlusschores aus der Matthäuspassion. Eine Erinnerung daran, dass Mendelssohn mit der Wiederaufführung dieser Passion im Jahr 1829 die Bach-Renaissance im 19. Jahrhundert einleitete.

Abseits des Mainstreams, das beweist Stadtfeld mit diesem Album, kann Musik besonders spannend sein.

Von Werner Fritsch

Martin Stadtfeld: Mendelssohn. 2 CDs, Sony Classical, Wertung: vier von fünf Sternen

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