Die Pianistin Martha Argerich wird 70

Martha Argerich Foto: dpa

In einer Zeit, in der es von Superlativen nur so wimmelt, ist der morgige 70. Geburtstag Martha Argerichs eine gute Gelegenheit, daran zu erinnern, dass sie und niemand sonst die Königin des Klavierspiels ist.

Und das seit einem halben Jahrhundert. Vor allem Spitzenpianisten, darunter Stars wie Horowitz und Gulda, haben das stets betont. Eher ungewöhnlich, aber für die Künstlerin typisch ist, dass in dieser durchaus auch von Konkurrenz geprägten Szene niemand so viele Freundschaften mit Kollegen pflegt wie Martha Argerich.

„Wie macht sie das nur?“, „Wie ist so etwas möglich?“, diese Fragen stellen sich noch immer die Konzertbesucher, die das Glück haben, sie bei ihren raren Auftritten zu erleben. Eine unvergleichliche Verbindung von spieltechnischer Brillanz, Leidenschaft und struktureller Klarheit zeichnet Argerichs Spiel aus.

Dass ausgerechnet sie unter extremem Lampenfieber leidet und zeitweise mehr Konzerte absagte als spielte, ist eine Ironie des Künstlerschicksals. Heute tritt sie vor allem mit Duo-Partnern und in Kammermusik-Besetzungen, aber kaum mehr solistisch auf - am liebsten mit Freunden bei ihren Festivals in Lugano, in ihrer Geburtsstadt Buenos Aires und im japanischen Beppu. Bach, Beethoven, Schumann, Chopin, Liszt und Prokofjew sind ihre liebsten Komponisten. Beinahe tragisch ist, dass die Gewinnerin des Chopin-Wettbewerbs und Trägerin des Kunst-„Nobelpreises“ Praemium Imperiale wegen künstlerischer Skrupel nur einen Teil ihres Repertoires eingespielt hat. Martha Argerich, die drei Töchter aus verschiedenen Ehen und fünf Enkelkinder hat, lebt in Brüssel und Paris.

CD-, Buch-Tipps

• Aus der Flut der CD-Veröffentlichungen zum 70. Geburtstag von Martha Argerich sind Häppchen-Alben wie „The Art of Martha Argerich“ (Deutsche Grammophon/DG) wenig empfehlenswert. Lohnend dagegen die 6-CD-Box der EMI „Solos & Duos“ der Martha Argerich Edition (ca. 20 Euro). Neben grandiosen Soloeinspielungen sind rare Klavierduos wie Messiaens „Visions de l’Amen“ mit Alexandre Rabinovich enthalten. Dazu passt die Box „Konzertaufnahmen“ der DG-Argerich-Edition mit 7 CDs (ca. 22 Euro). Wer nur eine einzige Platte von Martha Argerich sucht, sollte zu den Chopin-Préludes (DG) greifen - ein wahrer Kosmos von Klavierkunst. Was pianistisches Feuer bedeutet, lässt die Platte „Martha Argerich - Début Recital“ u.a. mit einer unvergleichlichen Einspielung von Liszts h-Moll-Sonate erleben (DG).

• Auch wenn man dem Phänomen Martha Argerich verbal nur begrenzt nahe kommen kann, so hat Olivier Bellamy mit seiner eben erschienenen Biografie das Mögliche geleistet. Vor allem das so ereignisreiche Leben der Künstlerin, ihre Jugend in Argentinien, prägende künstlerische Begegnungen (und Beziehungen), künstlerische Triumphe, private Krisen, ihr soziales Engagement - das wird spannend und detailreich aufgefächert. (w.f.)

Olivier Bellamy: Martha Argerich - Die Löwin am Klavier. Verlag Bertelsmann (Edition Elke Heidenreich), 288 Seiten, 19,95 Euro.

Wertung: fünf Sterne

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