Piano Battle: Mit Chopin und Schubert in den Clinch

Kontrahenten beim Duell: Paul Cibis (links), Andreas Kern. Fotos: Zerhau

Die Pianisten Andreas Kern und Paul Cibis lieferten sich am Samstagabend beim Kultursommer in Fritzlar einen unterhaltsamen Wettstreit am Klavier.

Fritzlar. Vorgestellt wurden die Kontrahenten von einer Lautsprecher-Stimme wie Boxer, Größe und Zahl der Siege „durch K.o.“ inklusive. Fehlte nur, dass sie sich in Mäntel mit Kapuze hüllten. Andreas Kern und Paul Cibis, die sich Freitagabend vor der zauberhaften, aufwendig und liebevoll eingerichteten, fast vollen Kulisse vor dem Dom in Fritzlar einen „Piano Battle“ lieferten, traten in Anzügen auf: schwarz und weiß. Ihre Flügel waren so postiert, dass sie einander wie beim Duell in die Augen sahen.

„Piano Battle“? Ja, die klassischen Konzertpianisten gestalteten ihren Auftritt beim Kultursommer Nordhessen als Wettkampf. In den Clinch gingen sie mit Chopin gegen Skrjabin, Debussy gegen Schubert – das Publikum bekam Feuerzeuge und bestimmte nach jeder Runde durch Leuchtzeichen den Sieger. Dessen Flügel wurde ein Stück zum Bühnenrand bewegt, Richtung Ziellinie.

In fast zweieinhalb Stunden samt großzügig bemessener Pause gab es nicht nur ein großartig vorgetragenes Potpourri populärer Pianomelodien, sondern jede Menge Sprüche, Sticheleien („Chopin sagt dir was?“) und unterhaltsame Elemente – wie Interview-Parodien zur Halbzeitpause („die Klangräume wunderbar genutzt“) und ein Wettspiel, bei dem die Pianisten während eines Bach-Präludiums Tischtennisbälle in den Flügel des Gegenübers schlugen, die von auf die Bühne gebetenen Besuchern aufgesammelt wurden.

Phänomenal auch Improvisationen auf Zuruf („Kleine Nachtmusik! Bartók! Keith Jarrett! Micki Krause!“), bei denen sich die Pianisten im übertragenen Sinne die Bälle zuspielten. Lustig: Bei Udo Jürgens heulte von Ferne als Echo ein Hund.

Zuletzt meisterten sie Ausschnitte aus Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ (mit verbundenen Augen!). Bei einem Stück von Moritz Eggert hatte Kern schon mit Kopf und bloßen Füßen gespielt („Rockstargehabe“, lästerte Gegner Cibis, „zehn Finger reichen dir wohl nicht“). Irgendwann traktierten beide einträchtig unter ihren Flügeln liegend diese rhythmisch mit den Händen, auch die Zugabe, Miriam Makebas „Pata Pata“ samt Fritzlarer Chor, spielten sie zusammen.

Wer gewann – Kern – , war also letztlich gleichgültig, zumal die Punktwertung verwirrte. Egal – um was es ging, hatte der spätere Sieger im Schlussplädoyer formuliert: die Klassik aus dem Korsett immergleicher Rituale zu reißen. Das ist glänzend geglückt – wann erlebt man ein Stück von Ligeti mit Zwischenrufen und -applaus wie beim Rock- oder Jazzkonzert?

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