Paul Kuhn ist mit seinem Trio beim Kasseler Jazzfrühling zu Gast - Ein Gespräch über Entspanntheit

„Pianospielen ist das Schönste“

In Zeiten, in denen großzügig mit dem Begriff „Legende“ umgegangen wird, gehört er zu den wenigen deutschen Jazzmusikern, die diesen Ehrentitel verdienen: Paul Kuhn (81) ist der legendäre Mann am Klavier, ein Meister des Swings seit vielen Jahrzehnten. Mit seinem Trio spielt er am 19. März im Gloria-Kino beim 4. Kasseler Jazzfrühling Klassiker des Swing. Wir sprachen am Telefon mit dem Altmeister.

Herr Kuhn, in Kassel will der Winter nicht weichen, wie sieht es bei Ihnen in Lenzerheide aus?

Paul Kuhn: Der Winter hier war toll, aber jetzt taut’s, wir haben Plusgrade, und der Wind ist schon frühlingshaft.

Sie haben ja ein Faible für angenehme Orte und verbringen einen Teil des Jahres in Florida. Was gefällt Ihnen an Florida?

Kuhn: Mir gefällt Florida, weil es in Amerika gemütlicher und legerer zugeht und weil ich dort eine Menge Golfplätze habe. Gut, die gibt es hier auch, aber in Amerika ist das normaler, nicht so elitär.

Sie halten sich also da am liebsten auf, wo das Lebensgefühl entspannt ist. Ist Ihnen das besonders wichtig?

Kuhn: Ja, das gehört zumindest mit dazu. Man sagt doch, dass Florida das Land der Rentner ist, furchtbar langweilig. Ich finde es aber wunderbar, wenn alles leger ist. Da stehen halt vier schwere Autos nebeneinander an der Ampel, und wenn’s Grün wird, dann fahren die gemütlich los und machen kein Wettrennen.

Ihre Musik signalisiert dem Hörer: Nimm mal den Stress ein bisschen raus. Wie kriegen Sie diese Gelassenheit in die Musik?

Kuhn: Ja, indem man sie leicht spielt, und indem man Titel aussucht, die genau das wiedergeben, was man meint. Das ist ein bisserl schwer zu erklären. Die Amerikaner sind schon flott, auf der anderen Seite sind sie entspannt - „see you tomorrow“. Man kann das amerikanische Lebensgefühl schwer beschreiben.

Sie sind in der Lage, nur die Musik zu machen, auf die Sie wirklich Lust haben. Worauf haben Sie Lust? Was werden Sie in Kassel präsentieren?

Kuhn: Ich fahre ja mehrgleisig, wie Sie wissen. Ich leite Bigbands und schreibe für Bigbands, aber für mich ist letzten Endes das Beste immer noch der Pianist, der in mir ist. Der Mann am Klavier.

Kuhn: Ach, nicht gerade der. Aber Piano zu spielen, ist halt doch das Schönste, denn man wird gefordert. Bei drei Leuten ist der Pianist der Melodiker und auch der Rhythmiker. Bass und Schlagzeug sind zwar dabei, aber auch der Pianist muss das Rhythmische draufhaben.

Es gibt heute auch mehr als vor ein paar Jahren eine Sehnsucht nach entspannter, melodiöser Jazzmusik.

Kuhn: Ja, das ist sehr angenehm. Ich habe ja nie etwas anderes gespielt. Ich habe den Free Jazz weder sehr gemocht noch sagt mir der etwas. Es ist auch sehr viel Hudelei, was da passiert. Man muss Musik so spielen, dass sie was aussagt. Wenn ich heute junge Leute höre und mich frage, was will mir der sagen? Dann ist es: Ich habe sehr viel geübt. Aber das interessiert mich eigentlich nicht.

Muss es auch nicht.

Kuhn: Nein, es ist schöner, „Night and Day“ zu spielen und sich nicht anstrengen zu müssen, um möglichst jede Lücke zu füllen mit einem komplizierten Lauf, damit es auch ja sehr brillant klingt.

Es gibt auch die Kunst des Andeutens und des Weglassens. Wieso können Sie das, was andere nicht können?

Kuhn: Es können ja auch viele andere. Aber es ist, glaube ich, eine Altersfrage. Und es wollen ja auch alle dahin. Aber wenn man’s wirklich gut kann, ist das Leben vorbei.

Das stimmt bei Ihnen ja nicht.

Kuhn: Vielleicht ist das etwas übertrieben. Aber es ist so: Man versucht, mit möglichst wenig Noten etwas zu sagen. Ich hab früher auch mehr gespielt, aber wenn man älter wird, kommt das von allein. Nicht weil man nicht mehr kann, sondern weil man das Gefühl hat: Das ist alles ein bisserl unnötig, was so gespielt wird.

Und man konzentriert sich aufs Wesentliche.

Kuhn: Ja, natürlich.

Wer wird mit Ihnen in Kassel auftreten?

Kuhn: Ich habe zwei sehr gute Rhythmiker dabei. Willy Ketzer, ein sehr guter Schlagzeuger, mit dem ich schon 30 Jahre zusammenspiele, und ein sehr guter Bassist, Martin Gjakonovski. Das macht Spaß, die wissen, was man spielt.

Wie wichtig ist die Tagesform, oder ist Routine alles?

Kuhn: Es ist so, dass ich gerade jetzt erlebt habe, dass wir besonders gute Konzerte machen. Man ist nicht jeden Tag gleich gut aufgelegt. Aber manchmal, wenn der Flügel gut ist, die Stimmung gut ist und auch das Publikum, dann wird ein Konzert besonders gut. Ich hoffe, dass es auch in Kassel schön wird.

Von Werner Fritsch

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