Ein Picasso fürs Wohnzimmer: Die Artothek in der documenta-Halle

Kassel. Könnte gut sein, dass einem nach dem Besuch der „Bestandsbesichtigung“ in der documenta-Halle der Kopf schwirrt. Aber man kann ja (bei freiem Eintritt) wiederkommen, die riesige Präsentation etappenweise anschauen, sich in Ruhe auf einzelne Räume, einzelne Abschnitte einlassen.

Ausgebreitet sind sämtliche Werke, die die Artothek in der Stadtbibliothek bereithält: über 400 Originale, chronologisch ihrer Entstehung nach geordnet, von Wilhelm Thielmanns Radierung „Schwälmer Spinnstube“ von 1907 bis zu den jüngsten Ankäufen von Frederick Vidal, Anja Köhne oder Ann Schomburg.

Lexikonwissen:

Die documenta-Halle im Regiowiki

Über 100 Jahre Kunstgeschichte lassen sich also in der documenta-Halle abschreiten. Teils muss man den Blick in den Nacken legen, um all die Gemälde, Fotografien, Zeichnungen und Druckgrafiken wahrzunehmen - die Ankäufe seit der Jahrtausendwende sind in Petersburger Hängung, also dicht an dicht neben- und übereinander zu sehen. Ein Lageplan hilft hier bei der Orientierung. Skulpturen stehen auf mehreren Tischen.

Man wandert umher und staunt: Mit einem Bibliotheksausweis kann man sich tatsächlich für zehn Euro Lithografien und Radierungen der größten Berühmtheiten der Kunstgeschichte übers Sofa, ins Büro oder die Praxis hängen: einen Picasso, Matisse oder Miró, einen Chagall oder Kandinsky. Vor allem aber ist die Sammlung Spiegelbild der regionalen Kunstszene in den vergangenen 25 Jahren. Wer in Kassel Ausstellungen und Atelierrundgänge besucht, wird bekannte Namen, vertraute Positionen entdecken. Auch dieses Wiedererkennen macht Spaß.

Die ganze Artothek auf einmal zu zeigen, ist für die Organisatoren von Kulturamt und Stadtbibliothek sicher ein Kraftakt gewesen. So war es nicht verwunderlich, dass es Applaus gab, als Oberbürgermeister Bertram Hilgen bei der Eröffnung von Dr. Harald Kimpel, der die Federführung hatte, bis zum Aufbauteam allen Beteiligten dankte.

Spontanen Beifall bekam auch der gebürtige Berliner Robert Sturmhoevel, Absolvent der Kunsthochschule, als er bekräftigte, weiter in Kassel leben und arbeiten zu wollen. „Geehrt“ fühle man sich durch einen Ankauf für die Artothek, sagte der 30-Jährige. Das helfe nicht nur, „Atelier und Essen zu finanzieren“, sondern Platz zu schaffen für Neues, weil man sich von Werken trennen müsse: „Ich habe gelernt loszulassen.“

Zahlreiche Künstler begegneten bei der vollen Vernissage eigenen Werken wieder, Otto Fischer, Mehmet Güler oder Michael Göbel, Rana Matloub oder Nora von der Decken. Schmerzlich bewusst wird beim Rundgang auch, welche Künstler früh gestorben sind (etwa Maarten Thiel, Dieter Schwerdtle, Antje Siebrecht). Und Wünsche werden wach. Artothek-Nutzerin Regina Oesterling jedenfalls, in einer Talkrunde von Kulturamtsleiterin Dorothée Rhiemeier nach ihren Vorschlägen gefragt, nannte wie aus der Pistole geschossen: „Silvia und Lutz Freyer, Henning Lutze, Ulla Wallbach.“

„Die Artothek Kassel - eine Bestandsbesichtigung“, bis 5.9. täglich 11-18 Uhr, Eintritt frei, Samstag, 6.9., 14-1 Uhr mit Museumsnacht-Ticket. Führungen: 27.8., 3.9., jeweils 17 Uhr.

Service

Wer mindestens 18 Jahre alt ist und einen Bibliotheksausweis hat, kann in der Stadtbibliothek Kunstwerke ausleihen. Das kostet inklusive Versicherung für zwei Monate 10 Euro pro Exponat. Eine zweimalige Verlängerung der Ausleihfrist ist möglich, sofern das Kunstwerk nicht von anderen Nutzern reserviert wurde. Das jeweilige Werk wird gerahmt und für den Transport sicher verpackt bereitgestellt.

Über das Angebot und die Verfügbarkeit kann man sich im elektronischen Katalog der Stadtbibliothek (www.stadtbibliothek-kassel.de) informieren oder in den Bibliotheksräumen in einem Foto-Ordner stöbern. Die Öffnungszeiten der Stadtbibliothek, Rathaus, Eingang Obere Königsstraße, 1. OG: Mo/Di/Do/Fr 11-18 Uhr, Mi/Sa 10-13 Uhr. Infos: Tel. 0561/7874013

Artothek in der documenta-Halle

Von Mark-Christian von Busse

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