Pierre Huyghe: Die Natur im Kunstmuseum

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„Human“ im Museum: Der documenta-Hund mit seiner pinkfarbenen Pfote in Pierre Huyghes Kölner Ausstellung. Foto: dpa

documenta-Künstler Pierre Huyghe stellt in Köln aus - und auch der Hund „Human" mit seiner pinkfarbenen Pfote ist wieder dabei

Von Mark-Christian von Busse

Köln. Um die Grenze von Natur und Kunst kreisen die Arbeiten von Pierre Huyghe, dem das Museum Ludwig in Köln die erste deutsche Überblicksschau widmet. Der 51 Jahre alte Franzose setzt sich immer auch mit dem Ausstellen selbst auseinander. Museen stellt er, wenn er sich mit Biologie und Zoologie beschäftigt, vor immense Herausforderungen.

Carolyn Christov-Bakargiev hatte in Huyghes Beitrag ein Schlüsselwerk ihrer documenta 13 gesehen. In der Kasseler Karlsaue schuf er ein Biotop, bei dem auf den ersten Blick nicht festzustellen war, was gestaltet und was schon immer da war. Die Hunde „Human“ mit pinkfarbenem Vorderbein und „Senor“ wurden zu Publikumslieblingen.

In Köln steht, auf einer kleinen, durch eine Glastür zugänglichen Freifläche, die Kasseler Akt-skulptur samt Bienenkopf als Reminiszenz, ein schwacher Abklatsch zur documenta-Atmosphäre. Umso mehr beeindruckt ein Film, dessen Bilder in der Karlsaue aufgenommen wurden: Getier wie Larven, Libellen, Mäuse in Großaufnahme, prasselnder Regen, die dunkle Erde ganz nah, dazwischen das leuchtende Pink der Hundepfote. Wie ein fremder Kosmos. So hat man die Aue noch nie gesehen.

In Köln stromert „Human“ durchs Museum, wenn er sich nicht auf einem der in Nischen ausgelegten Pelzmäntel niederlässt. Zwischendurch wird er von seinem Betreuer auf der Rheinpromenade Gassi geführt, mit seinem mit Lebensmittelfarbe angemalten Bein eine Attraktion. Wie in Kassel gab es unbegründete Befürchtungen, der Podenco Ibicenco - so heißt die an Windhunde erinnernde Jagdhundrasse - sei zu dünn. Das Museum versichert, Amtstierärzte und der Zoo gewährleisteten, dass alle Tiere artgerecht gehalten werden.

Leben und Lebloses, Werden und Vergehen, organische Prozesse, künstlich Geschaffenes und natürlicher Verfall - die Kombination fasziniert auch in Huyghes Aquarien, die er „Zoodramen“ nennt, mit Krabben, Seespinnen, wirbellosen Tieren, oder wenn ein Einsiedlerkrebs die Nachbildung des Brancusi-Kopfes „Die schlafende Muse“ bewohnt. Sinnbilder fürs Museum, wo sich ebenfalls Besucher - die hier am Eingang alle mit Namen ausgerufen werden - zwischen arrangierten Objekten bewegen.

Huyghe interessiert das, was sich nicht vorausbestimmen und kontrollieren lässt. Dabei schafft er ein Netz komplexer Bezüge auch innerhalb seiner eigenen Arbeiten, ein labyrinthisches Geflecht, in dem man sich verliert wie im Kölner Zickzackparcours: Der Franzose hat den Grundriss der ersten Ausstellungsstation im Centre Pompidou mit zurechtgesägten, zerschnittenen Wänden eins zu eins nach Köln verlegt. An einer Stelle hat er die Wandbemalungen bis auf die Mauer abgeschliffen, die Spuren früherer Schauen sehen aus wie Jahresringe eines Baums.

Es läuft auch der bizarre, zweistündige Film „The Host and the Cloud“, den Christov-Barkagiev schon in Kassel präsentiert hatte. Er ist erst ab 16 Jahren freigegeben, wegen Szenen einer Orgie. „Wir sind die Tiere“, sagt Huyghe, „wir sind zumindest auch Tiere“. Ein Performer läuft, als sei er aus dem Film entstiegen, mit seiner Maske aus Licht durch die Ausstellung, in der Nebel, Schwärze und schmelzendes Eis, wunderbare Erik-Satie- und Kate-Bush-Klänge für verrückte wie magische Momente sorgen.

Bis 13. Juli, Heinrich-Böll-Platz 1, Katalog im Hirmer-Verlag, www.museum-ludwig.de

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