Wie Martin Walser in einer schönen Novelle sein Jenseits beglaubigt

Pilger mit schmutzigen Füßen

Martin Walser Foto: picture-alliance

Ich habe für mich geschrieben,“ heißt es im Vorspruch von Jakob Böhme, den Martin Walser seiner Novelle „Mein Jenseits“ vorangestellt hat. Also: „Mihi ipsi scripsi!“ (Ich habe mir selbst geschrieben). Aber das stammt von einem Anderen, nämlich Nietzsche - und gilt seitdem als Ausdruck einer gewissen Selbstgenügsamkeit. Das wiederum verträgt sich nicht mit dem Mitteilungsdrang und Bekenntniseifer von Walser, der mit 83 Jahren ein Glaubensbuch, ein Credo, vorlegt, das ihn uns als grundreligiösen Suchenden zeigt.

Walser lässt seinen Protagonisten - einen Professor Dr. Dr. Augustin Feinlein, Leiter einer großen psychiatrischen Klinik in Bodenseenähe - aus seinem Leben erzählen. Am Ende landet Walsers Alter ego in seiner eigenen Irrenanstalt, frei nach Kierkegaard geführt „über die Seufzerbrücke in die Ewigkeit“. Überhaupt geistert dieser große Denker des 19. Jahrhunderts mit seinen Glaubenszweifeln und seiner überempfindlichen Erregbarkeit durch die hier erzählte Glaubensgeschichte von Augustin Feinlein.

Er hadert mit seinem Ärztlichen Direktor, Dr. Bruderhofer, einem vitalen Rivalen, von dem er sich auf Schritt und Tritt verfolgt fühlt, der ihm die lebenslang aus der Ferne geliebte Eva Maria ausspannt und sogar als sein Nachfolger an der Spitze der Klinik triumphieren kann. Eigentlich wehrt er sich nicht gegen den Konkurrenten, sondern belässt es beim Walser’schen Understatement: „Ihm geht es um seine Karriere. Mir um mein Jenseits.“

Dieses Jenseits will entdeckt werden. Also fliegt Feinlein nach Rom, besucht die Basilika Sant’Agostino auf dem Campo Marzio und bewundert dort das Madonnenbild von Caravaggio. Besonders die schmutzigen Füße des Pilgerpaares unterhalb der Madonna haben es ihm angetan. Der Schmutz dieser erdigen Füße kontrastiert zu den feinen Füßen der Gottesmutter, „die zeigen, diesen feinen Füßen ist Last fremd, die tanzen unter allen Umständen“.

Feinlein, der sich neben seinem Beruf mit Forschungen zum Reliquienkult zwischen Donau und Bodensee beschäftigt, geht es darum, dass Glauben ernst genommen wird. Auch hier geht es nicht ohne Kierkegaard’sche Dialektik: „Du glaubst, was nicht ist.“ Walser weiß um die Kalamität der bloßen Kirchengläubigkeit. Deswegen kann er leichten Herzens formulieren: „Es ist nicht wichtig, daß Reliquien echt sind.“ Es sind Feinleins Bekenntnissätze, die Walser in die Formulierung mystischer Logik kleidet und die dem Text eine außerordentliche Suggestion geben, etwa wenn es heißt: „Glauben lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt. Aber dann schon.“

Walsers Novelle kündet von einem Vertrauen in die Kunst des Wortes, in Literatur überhaupt, das ihre Lektüre zu einem außerordentlichen Erlebnis macht. Was kann man sich Schöneres von einem Autor wünschen.

Martin Walser: Mein Jenseits. Novelle. Berlin University Press. 120 S., 19, 90 Euro, Wertung: !!!!:

Von Wolf Scheller

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.