Eine Ausstellung in der Wiener Albertina zeigt Picassos politische Seite - und einige erotische Bilder

Der Pinsel kann eine Waffe sein

Berühmtes Motiv: Taube mit Olivenzweig. Foto: Saint-Denis, Musée d’art et d’histoire und Irène Andréani

WIEN „Die Malerei ist nicht dazu gedacht, Wohnungen zu schmücken.“ Pablo Picassos Bekenntnis zum politischen Auftrag der Kunst stammt aus dem Jahr 1937, als im Zuge des Spanischen Bürgerkriegs die baskische Stadt Guernica durch deutsche Kampfflugzeuge der Legion Condor dem Erdboden gleichgemacht wurde. Im gleichnamigen Bild hat der Künstler den Opfern des faschistischen Terrors ein leidenschaftliches Denkmal gesetzt. Diese über 21 Quadratmeter umspannende Ikone der engagierten Malerei hängt im Museum Reina Sofia in Madrid und ist aufgrund ihres maroden Zustandes nicht mehr reisetüchtig.

Dennoch ist sie in der Ausstellung „Pablo Picasso. Frieden und Freiheit“, kuratiert von Christoph Grunenberg und Lynda Morris (Tate Liverpool), die derzeit in der Wiener Albertina zu sehen ist, als Reverenzpunkt omnipräsent. Im Gedenkbild „Das Leichenhaus“ von 1944/45 etwa, es zeigt eine von Franquisten ermordete republikanische Familie, greift Picasso die Bildsprache von „Guernica“, wieder auf, verwendet wie dort die Grisaille-Technik, die Beschränkung auf Schwarz-Weiß-Grau. Das reale Grauen, wie es die Ausstellung auf riesigen Fotowänden dokumentiert, verträgt keine Farbe, so Picassos künstlerische Entscheidung in jener Epoche, die der 1881 in Malaga geborene Andalusier im Exil in Paris verbrachte.

Den Heimatboden wollte er erst wieder betreten, wenn Spanien eine Republik sei. Das Ende des Franco-Faschismus erlebte er nicht mehr, 1973, zwei Jahre vor dem Tod des Diktators, ist er gestorben.

Picasso trat 1944 in die Kommunistische Partei Frankreichs ein, der er bis ans Lebensende treu blieb, wenngleich mit zunehmend kritischer Distanz. Nach Kriegsende mischte er sich weiter ein, entwarf mit Pinsel und Farbe seine kritischen Kommentare zu Koreakrieg, Algerienaufstand, Kubakrise.

Die Bilder dieser Zeit sind raffinierte Paraphrasen zu Schlüsselwerken von Velázquez, Goya und Jacques-Louis David, welche die von den alten Meistern begonnenen Geschichten von Gewalt und Unterdrückung weiter spinnen.

Aus einem dichten Netz von Anspielungen entstehen eindringliche, ja, schockierende Werke, wie „Der Raub der Sabinerinnen“; sie sind in der Schau überzeugend in Realgeschichte und künstlerische Tradition eingeordnet.

Einen eigenen Raum nimmt jenes Motiv in Anspruch, mit welchem Picasso dem Weltfrieden ein Logo gab: die Friedenstaube. Der Pariser Dichter Louis Aragon gab sie 1949 für die Plakate des 1. Weltfriedenskongresses in Bestellung. Picasso, der Tauben zwar liebte, sie aber in ihrer Streitlust nicht unbedingt als Friedenssymbole einschätzte, willigte ein - und schuf damit sein populärstes Werk.

Die zwei letzten von acht mit etwa 200 Werken bestückten Räumen sind dem „erotischen“ Picasso gewidmet, Fantasien von freier Liebe und unendlicher Potenz. Diese Bilder als Sympathiekundgebung für die sexuelle Revolution zu bezeichnen, wirkt bei allem Respekt für das Ausstellungskonzept etwas bemüht: Picassos persönliche sexuelle Revolution war der geschichtlichen um Jahrzehnte voraus.

„Pablo Picasso. Frieden und Freiheit“, Wien, Albertina, bis 16. Januar, www.albertina.at

Von Verena Joos

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