Lothar Gall stellte seine Humboldt-Biografie vor

Pionier der Bildung

Las in Göttingen: Humboldt-Biograf Lothar Gall. Foto: dpa

Göttingen. Sein vor wenigen Tagen erschienenes Werk „Wilhelm von Humboldt: Ein Preuße von Welt“ hat der Historiker Lothar Gall am Freitag zum Auftakt des Göttinger Literaturherbstes vorgestellt. Ein wissenschaftliches Thema, trocken, dennoch war das Alte Rathaus recht gut gefüllt.

Eingeführt durch Christian Starcke von der Akademie der Wissenschaften begann Gall seine Lesung mit Humboldts Wirken in den Jahren 1808 und 1809: Der preußische Gesandte in Rom, der dort ein recht bequemes und vor allem unabhängiges Leben führte, soll im Zuge der preußischen Reformen die Leitung der „Sektion des Kultus und des öffentlichen Unterrichts“ übernehmen. Humboldt zögerte: „Gelehrte zu dirigieren ist nicht viel besser, als eine Komödiantentruppe unter sich zu haben.“

Humboldts Selbstbewusstsein sei zwar „gewaltig“ gewesen, so Gall, aber für so eine Anstellung die Existenz als weitgehend unabhängiger Privatmann aufgeben? Er tat es doch, ein Zeichen für die Ambivalenz, die Gall bei Humboldt immer wieder findet: Ein Egomane, der sich der Kollegialität verschrieb, ein Staatsdiener, der die Bildungsanstalten von staatlichen Einflüssen befreien wollte.

Er sei ein „Revolutionär unter den Reformern“ gewesen, so Gall. Das Humboldt’sche Bildungsideal, die Schulreformen, das Spannungsfeld zwischen freier, unabhängiger Wissenschaft und der Notwendigkeit, doch staatlich lenkend eingreifen zu müssen: Trotz seines spröden Vortragsstils verstand es Gall, spannende Einblicke zu vermitteln.

Was soll denn Bildung sein? Wie soll eine sich selbst organisierende Wissenschaft aussehen? Wie sich finanzieren? Zu Fragen wie diesen hatte Humboldt früh faszinierende, wenn auch oft nur fragmentarische Überlegungen angestellt. Man hätte sich bei diesem Thema etwas mehr Studierende unter den Zuhörern gewünscht. Doch die hatten wohl etwas anderes zu tun.

Lothar Gall: Wilhelm von Humboldt: Ein Preuße von Welt, Verlag Propyläen, 448 Seiten, 24,99 Euro.

Von Udo Angerstein

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