Beim Spielsalon in Kunstverein und Dock 4 können künstlerische Computerspiele ausprobiert werden

Die Pixelmännchen sind zurück

„Antichamber“ von Alexander Bruce: Stephan Hanf vom Organisationsteam zeigt, wie man in diesem Spiel durch abstrakte Welten navigiert und Aufgaben lösen muss. Das Spielgeschehen wird auf die Raumwand projiziert. Fotos: Zgoll

Kassel. Gott ist ein DJ - und muss in einem lauten Club voller tanzender Menschen und zuckender Lichtblitze aufgesucht werden. Nur eine knifflige Aufgabe aus dem Festival für Computerspiele, dem Spielsalon, der ab heute, 11 Uhr, und bis Sonntag im Kunstverein und im Dock 4 neue, anspruchsvolle, künstlerische Computerspiele vorstellt.

Beispiele für weitere spielerische Herausforderungen sind: betrunken eine Herztransplantation durchführen, singende Knetmännchen bewegen, eine Wissenschaftler-Katze bei ihrer Zeitreise begleiten und einen Kometen steuern, der gerade auf die Erde zurast.

Internationale und in Kassel entstandene Spiele werden an interaktiven Stationen vorgestellt, auf rot-blau-gelb-grünen Hockern sitzen die Besucher vor Bildschirmen oder stehen an Rechnern, die wie die legendären Arcade-Automaten in den Spielhöllen von einst aufgereiht sind.

Auch echte Tischtennisschläger kommen zum Einsatz: bei „Pong Invaders Reality“, einer Wiederbegegnung mit den beiden Ur-Videospielen Pong (einer Art Tischtennis am Fernsehschirm) und Space Invaders, in dem pixelige Eindringlinge aus dem All vernichtet werden. Mit dem Schläger muss nun ein Pingpongball gegen einen Bildschirm mit den krabbeligen Invasoren gespielt werden.

„Spiele sind in den letzten Jahren ins Wahrnehmungsfeld von Erwachsenen gerückt“, sagt für die Organisatoren Kunsthochschulprofessor Thomas Meyer-Hermann. Und sein Kollege Joel Baumann ergänzt mit nackten Zahlen: 10 000 Stunden spielt ein Kind, das in einer westlichen Industrienation heute aufwächst, bis zu seinem 21. Lebensjahr am Computer. Die Zahl der Schulstunden beträgt nach einer US-Studie 10 080 Stunden. Kaum mehr. Sich damit zu beschäftigen, ist also höchst folgerichtig. Zumal die Elterngeneration von heute selbst mit Computern und Spielen aufgewachsen ist. „Der durchschnittliche Spieler ist 30 Jahre alt“, sagt Baumann - also schon lang kein Kind mehr.

Nach einer Phase, in der in Computerspielen all das ausprobiert wurde, was technisch machbar war, „kommen jetzt die Künstler und eignen sich das Medium an“, so Meyer-Hermann. Ohne den Spielspaß aus den Augen zu verlieren.

Spiele programmieren kann auch ganz persönlich wirken: Die Kasseler Studentin Nicole Brauer verarbeitet in „Personal Trip To The Moon“ private Krisen. Ein Jahr hat sie an dem Zehnminüter gearbeitet. Ein Männchen fliegt einsam durchs All und begegnet seinem eigentlichen Ich zunächst nur wie in einem Spiegel. „Die Spieler können miterleben, wie ich mich gefühlt habe“, sagt sie. „Das ist beim Spielen viel intensiver möglich als bei einem Film.“

Von Bettina Fraschke

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