In der Reihe „Gesichter der Kultur“ des Kulturnetzes debattierten Joel Baumann und Bernd Leifeld in der Kunsthochschule

Plädoyer für mehr Präsenz der documenta

Joel Baumann

Kassel. Kunsthochschul-Rektor Prof. Joel Baumann, als Sohn eines Diplomaten 1969 in Bogota geboren, aufgewachsen unter anderem in Kobe (Japan), Chennai (Madras, Indien) und New York, hatte sehr mit dem Wechsel auf eine Grundschule nahe Köln („auf der falschen Rheinseite“) zu kämpfen: „Daher stammt mein Hass auf Institutionen wie Schulen.“ Nach dem Abi im Internat Birklehof im Schwarzwald folgten eine Fallschirmspringer-Ausbildung bei der Bundeswehr, eine Schauspielschule in Paris. Geld verdiente er auf dem Laufsteg.

Bernd Leifeld erinnert sich zurzeit, wenn er Nachrichten sieht, an Auftritte seines Landestheaters Tübingen in den 80ern auf der Krim – der 64-Jährige war Dramaturg, Schauspieldirektor und Intendant, ehe er 1996 die documenta-Geschäftsführung übernahm.

Die Reihe „Gesichter der Kultur“ macht es möglich, Protagonisten der Kulturszene auch persönlich kennenzulernen – ihren Werdegang, ihre Motivation, ihre Visionen. Seit einigen Monaten bittet der Verein Kulturnetz, moderiert vom emeritierten Psychologie-Professor Ernst-Dieter Lantermann, regelmäßig ein Duo zum Gespräch – zuletzt die Direktoren Dr. Kai Füldner (Naturkundemuseum) und Prof. Dr. Reiner Sörries (Sepulkralmuseum). Ein gewinnbringendes Format.

Dienstagabend im vollen Hörsaal der Kunsthochschule ging es schnell zu aktuellen Fragen – wie sehr sie auf den Nägel brennen, zeigten auch Wortmeldungen. Leifeld plädierte dafür, das städtische documenta-Archiv unter das Dach der von Stadt und Land gemeinsam getragenen documenta-GmbH zu bringen: „Dieses Kleinod ist total unterfinanziert, total unterbesetzt“, sagte der 64-Jährige, der Ende März in den Ruhestand geht. Nötig seien Räume, wo die Archiv-Schätze attraktiver präsentiert werden könnten. Die neu eingerichtete, befristete documenta-Professur von Dorothea von Hantelmann sei nur „ein Lehrauftrag“, daraus müsse eine dauerhafte Perspektive für eine wissenschaftliche Aufarbeitung der documenta-Geschichte erwachsen. Wie viel Hoffnungen und Erwartungen in Hantelmann gesetzt würden, skizzierte auch Baumann: „Wir brauchen Planungssicherheit.“

Es gebe sicher die Bereitschaft der Bürgerschaft, etwa durch Stiftungsmodelle Unterstützung zu leisten, sagte Leifeld: „Aber wir dürfen die öffentliche Hand nicht aus der Verantwortung entlassen.“ Bürokratische Einwände könne er „gar nicht mehr ertragen“. Seinen Entschluss, nach vier documenta-Ausstellungen aufzuhören, empfindet der 64-Jährige schon jetzt als „Fehler“: „Das bereue ich stark.“

Von Mark-Christian von Busse

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