Im Uni-Institut für Musik wurde Reinhard Kargers erstes Streichquartett uraufgeführt

Plädoyer für vier Streicher

Arbeiten eng zusammen: (von links) Der Komponist Reinhard Karger und die Musiker des Pacific Quartet Vienna, Sarah Weilenmann (Violoncello), Shang-Wu Wu (Violine), Marie Yamanaka (Viola) und Yuta Takase (Violine). Foto: Schoelzchen

Kassel. Das Streichquartett ist eine Gattung, deren Erfinder namentlich bekannt ist: Joseph Haydn (1732-1809). Es war die Zeit, als die autonome Musik entstand. Musik, die nur um der Musik willen geschrieben wurde und keinem äußeren Zweck diente.

Der frühere Kasseler und jetzige Wiener Kompositionsprofessor Reinhard Karger hat sich auf die Spur dieses Genres gemacht - und ist, wie er in seiner Moderation sagte, der Faszination des Streichquartetts selbst erlegen: Vor gut 100 Zuhörerern im Uni-Institut für Musik wurde beim Soundcheck-Konzert sein erstes Streichquartett mit dem Titel „Der blinde Spiegel“ uraufgeführt.

Das junge Pacific Quartet Vienna hatte dem jedoch das G-Dur-Quartett KV 387 von Mozart vorgeschaltet. Benötigten die vier die ersten Sätze, um sich freizuspielen, so zeigten sie im Finale mit seinen Kontrasten zwischen strenger Kontrapunktik und spielerischer Virtuosität ihre Klasse: ausdrucksstarkes Musizieren auf hohem technischen Niveau.

Kargers viersätziges Quartett hat einen literarischen „Paten“, wie der Komponist es nannte: die Kurzgeschichte „Der blinde Spiegel“ von Joseph Roth aus der Zeit der zerfallenden k.u.k.-Monarchie. Deren Momente verhangener Sehnsucht werden in der Musik spürbar. Doch das Quartett besticht auch ohne Kenntnis der literarischen Bezüge durch seine strukturelle Klarheit und die Intensität seines Ausdrucks.

Im ersten Satz wird die Violastimme von den drei anderen Instrumenten akkordisch, dann in Pizzicatoketten umrahmt, während der zweite Satz vom Wechsel zwischen Unisono-Passagen und Akkorden lebt. Hohe Flageoletts und leise Ereignisse bestimmen den dritten Satz, und der eindrucksvolle vierte Satz verklingt im mal leichten, mal schweren Rhythmus des Ein- und Ausatmens, tonlos am Ende nur im Geräusch des Streichens.

Nach dem heftig beklatschten Stück Kargers spielte das Quartett Alban Bergs „Lyrische Suite“ derart nuanciert und gleichzeitig aufwühlend, als wäre es ein Plädoyer für die gesamte Gattung Streichquartett.

Von Werner Fritsch

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