Die Sängerin Jessye Norman wird heute 65

Plattenaufnahmen für das Paradies

Jessye Norman

Kaum zu fassen, dieses Geschenk der Natur: eine üppig flutende, geradezu ozeanische Sopranstimme, ausnehmend klangreich, tiefensatt, artikulationsgenau, charakteristisch im Timbre (dem stimmlichen „Fingerabdruck“) - all das kennzeichnet Jessye Norman seit dreieinhalb Jahrzehnten als größte lebende vokale Diva. Aber auch als eine für Kenner und eine des Außergewöhnlichen.

Denn die monumentale US-Südstaatlerin aus Augusta, Georgia, die heute ihren 65. Geburtstag feiert und noch sporadisch Konzerte gibt, ordnete ihre Karriere abseits der Norm. Sie legte lange kreative Pausen ein, verschrieb sich einem untypischen Repertoire, in dem die Oper nur eingeschränkt, das Klavier- und Orchesterlied jedoch umso mehr galt, und kapselte sich individualistisch vom Klassik-Business ab - so auch, als sie vor knapp zehn Jahren zu einem halbprivaten, nur von Insidern wahrgenom9menen Konzertauftritt nach Kassel kam.

Aber sie kann, wie kürzlich 90 Minuten im deutschen Fernsehen, wundervoll erzählen - schon die Sprechstimme ist Gesang -, singt akzentfrei und idiomatisch in vier Sprachen, kennt die kulturellen Hintergründe ihres musikalischen Tuns und verbreitet mit Wort, Gesang und Persönlichkeit eine überaus wohlige frauliche Wärme, Geborgenheit, Instinktsicherheit. Richard Strauss’ „Vier letzte Lieder“, dirigiert von Kurt Masur, die Orchestergesänge von Berlioz, Wagner, Mahler, Ravel und Ernest Chausson („Poème de l’amour et de la mer“), aber auch Arnold Schönbergs Monodram „Erwartung“ – das sind Plattenaufnahmen für das audiophile Paradies. Und stets überwältigt einen, dass der Gesang trotz der gigantischen klanglichen Expansion bei sich bleibt, dass Text, Musik und stimmliche Darstellung ebenso sinnlich wie sinnfällig zusammenfinden.

Von Siegfried Weyh

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