Pleninger-Tisch: Eingeätzte Musikstücke werden aufgeführt

Einzigartiges historisches Zeugnis: Der von Andreas Pleninger für Landgraf Moritz den Gelehrten angefertigte Steintisch, auf den die Noten zweier sechsstimmiger Chorsätze eingeätzt sind. Foto: mhk/nh

Kassel. Bis zu seiner Zerstörung beim Bombenangriff vom 29. Januar 1945 gehörte er zu den wertvollsten Einrichtungsgegenständen der Kasseler Löwenburg: der Pleninger-Steintisch. Darauf eingeätzte Musikstücke sollen nun am Wochenende aufgeführt werden.

Dieser Tisch, für den der Begriff Möbelstück viel zu prosaisch wäre, wurde 1605 von Landgraf Moritz dem Gelehrten bei dem Regensburger Meister der Steinätzung Andreas Pleninger in Auftrag gegeben. Kurfürst Wilhelm I, der Erbauer der Löwenburg, ließ den Tisch in sein 1801 fertiggestelltes Refugium bringen.

Die Besonderheit dieser Kalksteinplatte mit einem Durchmesser von 1,55 Metern ist, dass sie nicht nur bildhaft reich gestaltet ist - das Mittelbild geht auf einen Kupferstich des Niederländers Hendrick Goltzius zurück -, sondern dass der Tisch mit Musiknoten bedeckt ist.

Zwei sechsstimmige Madrigale sind stimmenweise abwechselnd in zwölf runde und ovale Kartuschen eingeätzt - Musik, die aufführbar ist und nicht nur der optischen Zierde dient. Der Komponist der beiden Chorsätze ist nicht bekannt. Vieles spricht jedoch dafür, dass es der Landesfürst Moritz selbst war, der als versierter Komponist bekannt ist.

Auf Initiative der Kasseler HR-Redakteurin Susanne Schaeffer werden die beiden Madrigale des Pleninger-Tisches bei den Wilhelmshöher Schlosskonzerten am kommenden Samstag und Sonntag erstmals öffentlich aufgeführt (siehe nebenstehenden Artikel). Die aufführungspraktische Einrichtung hat der Kasseler Kirchenmusikdirektor Stephan Herrmann besorgt, der die beiden Madrigale mit seinem Chor Vox humana bereits in einer nicht öffentlichen Aufführung vorgestellt hat. Die Chorsätze - einer mit deutschem und einer mit lateinischem Text - preisen die Musik als eine Gottesgabe.

Mit einer Spendeninitiative versucht der Kasseler Museumsverein seit 2010, die erforderlichen Mittel für eine Restaurierung des Pleninger-Steins aufzubringen. Bisher sind 35 000 Euro eingegangen, etwa 40 Prozent der benötigten Summe. Vielleicht tragen die Konzerte am Wochenende dazu bei, dass es bald mehr wird.

Von Werner Fritsch

Die Konzerte

Eines der bekanntesten männlichen Vokalensembles, die Singphoniker, bestreiten am Samstag, 20 Uhr, und am Sonntag, 17 Uhr, im Ballhaus die beiden Wilhelmshöher Schlosskonzerte, in deren Rahmen die beiden Madrigale des Pleninger-Tisches aufgeführt werden. Die vom Hessischen Rundfunk veranstaltete Konzertreihe steht in diesem Jahr unter dem Motto „Sehnsucht und Weltschmerz“ und widmet sich der Romantik. Zwei Motive der Romantik, der sehnsuchtsvolle Blick zurück in die Geschichte und der Rückzug ins Private, findet HR-Redakteurin Susanne Schaeffer auch in der Geschichte des Pleninger-Tischs wieder: In einer Burg, die im 19. Jahrhundert die alte Ritterromantik beschwor und ein Rückzugsort für Kurfürst Wilhelm I. wurde, fand dieser Tisch seinen angemessenen Platz.

Auch das Konzertprogramm der Singphoniker schlägt einen Bogen von Chorsätzen der Renaissance über die Romantik mit Sätzen von Schubert, Brahms und Silcher bis zur Gegenwart mit Songs von den Beatles sowie Simon & Garfunkel. (w.f.) Samstag, 20 Uhr, und Sonntag, 17 Uhr, Ballhaus bei Schloss Wilhelmshöhe. Karten zu 20 (ermäßigt 15) Euro bei Musik Bauer & Hieber, Tel. 0561 / 91 888 61 und an der Museumskasse im Schloss Wilhelmshöhe, Tel. 0561 / 3180-160.

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