In der Reihe Achtmal Alte Brüderkirche wurden Lieder von Wolfgang Rihm mit Bildern von Christine Reinckens kontrastiert

Achtmal Alte Brüderkirche : Wolfgang Rihm vertont Texte schizophrener Dichter

Bestritten einen Abend der starken Kontraste: (von links) Richard Logiewa, Insa Meyer-Rohrschneider, Christine Reinckens und Hellmuth Vivell. Foto: Schachtschneider

Kassel. Warum Wolfgang Rihm (59) immer wieder Texte von Dichtern vertont, die als schizophren galten und Psychiatriepatienten waren? Er sei fasziniert von deren unverbundenen Aussagen, die von Schock zu Schock wandern, jeweils nur dem Moment ausgeliefert, äußerte der Komponist.

Was das bedeutet, führten der Bariton Richard Logiewa (Mainz) und der Pianist Hellmuth Vivell (Kassel) in der Reihe „Achtmal Alte Brüderkirche“ vor hundert Besuchern vor.

Zunächst sechs Lieder auf Texte des Schweizers Adolf Wölfli (1864-1930), eines ebenso besessenen Malers wie Dichters: Es sind ganz einfach Strukturen, die Rihm den Liedern unterlegt. Beim ersten Lied (siehe Textbeispiel) ist es eine Terzbegleitung, die ebenso wie die anfangs schlichte Singstimme in laute Ausbrüche entgleist. Seltsam eindringliche Wunderwerke sind diese Lieder, zugleich befremdlich und erschreckend, zumal in der ungebremsten Expressivität, die Logiewa und Vivell an den Tag legten.

Bei den „Neuen Alexanderliedern“ auf Texte Ernst Herbecks (1920-1991) wird zusätzlich Rihms Verankerung in der romantischen Liedtradition deutlich. Klavier-Epiloge à laSchumann und Begleitmuster à la Schubert verweisen darauf. Dann wieder wird die tonale Schlichtheit gebrochen durch eine „falsch“ einsetzende und quer zum Klaviersatz verlaufende Singstimme.

Einen starken Kontrast setzte die Kasseler Künstlerin Christine Reinckens mit großformatigen Tafelbildern aus der Reihe „Variationen des Wartens“ (Ölfarbe auf Holz, 2009/2010). Berührende realistische Malerei, die Menschen in nachdenklichen Haltungen zeigt. Das Gefühl, es müsse diese Menschen wirklich geben, täuscht nicht: Zu erkennen ist unter anderem der Kasseler KünstlerZaki Al-Maboren.

An die Thematik des Wartens knüpfte auch Insa Meyer-Rohrschneider mit ihrer Lesung an, die neben Bibeltexten und solchen von Robert Gernhardt und Reiner Kunze auch einen eigenen Beitrag enthielt.

Von Werner Fritsch

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