Sachsen-Anhalt feiert den Naumburger Meister mit einer großartigen Schau

Uta ist plötzlich Französin

Naumburg. Nicht nur Kreuzworträtsellöser kennen die Naumburger Stifterfigur mit drei Buchstaben: Uta. Die Skulptur der Markgräfin mit der stolzen Miene gilt als Spitzenleistung der deutschen Bildhauerkunst des Hochmittelalters.

Doch was ist das? Auf den Plakaten zu Sachsen-Anhalts Landesausstellung in Naumburg lässt sich die Schöne nicht mit ihrem griesgrämig dreinschauenden Gatten Ekkehard sehen, sondern mit dem milde lächelnden französischen König Childebert. Was hat es damit auf sich?

Uta und die elf anderen Stifterfiguren werden einem anonymen Bildhauer zugeschrieben, der den Namen „Naumburger Meister“ erhalten hat. Er stand als leitender Bildhauer und Architekt einem Werkstattverband von Steinmetzen vor. Nach landläufiger Meinung handelt es sich um ein deutsches Künstlergenie. Doch die Ausstellung will verdeutlichen, dass es seine Wurzeln in Frankreich hatte. Kurator Hartmut Krohm urteilt: „Der Naumburger Meister, eher Franzose als Deutscher.“

Neuartig am Schaffen des Naumburger Meisters war der Ausdruck der Skulpturen, der die Seelenregungen in der Mimik, den Posen und Gesten sichtbar macht. Das trat erstmals an der ab 1211 neu errichteten Kathedrale von Reims auf. Ausstellungsstücke aus Reims sind zum Beispiel grimassierende Köpfe sowie in Ganzfigur Abgüsse von Aposteln und Propheten. Die Großbaustelle in Reims zog Architekten, Bildhauer und Handwerker aus ganz Europa an. Vermutlich einer von ihnen: der Naumburger Meister.

Mit Beispielen seines Schaffens wartet der Dom auf. Mehr noch als der Gipsabguss der überlebensgroßen Muttergottes aus Meißen (1265/70) beeindrucken die originalen kleinformatigen Ensembles (um 1239) vom ehemaligen Westlettner des Mainzer Doms. Sein Thema ist das Jüngste Gericht. Mainzer Auftraggeber des Naumburger Meisters war Erzbischof Siegfried III. von Eppstein. Vermutlich hat er den Bildhauer an Bischof Dietrich II. von Naumburg weiterempfohlen. Der vollendete dort gegen 1257 den spätromanischen Dom mit einem hochmodernen gotischen Westchor. Dessen Lettner ist an der Außenseite mit emotionsgeladenen, figurenreichen Reliefs des Leidenswegs Christi geschmückt.

Vorbei an der Portalfigur des Gekreuzigten betritt man den Chorraum mit den in mehreren Metern Höhe platzierten Standbildern der acht Stifter und vier Stifterinnen. Es handelt sich um die bedeutendsten Geldgeber der Vorgängerkirche, die schon etwa 150 Jahre tot waren, als sie mit den Figuren geehrt wurden.

Die hohen Herrschaften wirken verblüffend lebendig. Jede der Reste einer Farbfassung aufweisenden Figuren ist eine unverwechselbare Persönlichkeit. Zurückhaltender als der zornige Graf Syzzo oder der ängstliche Graf Dietmar präsentieren sich die beiden Stifterpaare. Vor der Südwand lächelt Markgräfin Reglindis an der Seite ihres Gatten Hermann. Gegenüber an der Nordwand sind Markgraf Ekkehard II. und seine Gemahlin Uta auf würdevolle Distanz zu uns und auch zueinander bedacht.

Im Naumburger Schlösschen am Markt, dem Stadtmuseum „Hohe Lilie“, der Aegidienkapelle, der Johanneskapelle und vor allem im Dom St. Peter und St. Paul werden bis 2. November über 300 Meisterwerke der Skulptur und Schatzkunst, der Glas- und Buchmalerei präsentiert. Besucherservice: Domplatz 16/17.

Die Schau ist täglich 10-19 Uhr, Freitag 10-22 Uhr geöffnet. Info: Tel. 03445-2301120, www.naumburgermeister.eu. Der zweibändige Katalog (Imhof Verlag) kostet in der Ausstellung 49, im Buchhandel 68 Euro.

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