Interview: Jazz-Sängerin Lisa Bassenge über die deutsche Sprache

Die Berliner Jazz-Sängerin Lisa Bassenge erfindet sich neu und singt jetzt auf Deutsch. Auf ihrem aktuellen Album „Nur fort“ hat sich die Absolventin der renommierten Hanns-Eisler-Musikhochschule zum ersten Mal ihrer Muttersprache angenommen.

Neben Eigenkompositionen sind zeitgenössische Lieder von Udo Lindenberg bis zu Hildegard Knef zu hören. Wir sprachen mit der 37-Jährigen vor ihrem Auftritt am heutigen Freitag im Kasseler Theaterstübchen, wo sie die Reihe „Frauen singen deutsch“ eröffnet. Das Konzert wurde aus der Sparda-Bank verlegt.

Frau Bassenge, Ihr aktuelles Werk trägt den Titel „Nur fort“, das Live-Album von 2008 hieß „Won’t Be Home Tonight“. Sind Sie nicht gern zu Hause?

Lisa Bassenge: Stimmt, das ist mir bisher gar nicht aufgefallen. Doch, ich bin sehr gern zu Hause. Aber ich bin eben auch gern unterwegs.

Im Gegensatz zu den Albumtiteln sind Sie Ihrer Geburtsstadt Berlin bisher treu geblieben. Hatten Sie nie den Wunsch, Berlin einmal den Rücken zu kehren?

Bassenge: Den Wunsch hatte ich schon, aber irgendwie hat Berlin mich immer festgehalten. Erst durch meine Projekte dort und später durch meine Kinder. Mir war das Zusammensein mit meinen Freunden und meiner Familie immer wichtiger.

Auf „Nur fort“ überwiegen erstmalig die deutschen Lieder. Wie kam es zu dem Wandel der Sprache?

Bassenge: Natürlich ist mir das Deutsche als meine Muttersprache viel näher als das Englische. Das birgt aber auch einige Schwierigkeiten in sich: Poesie ohne Kitsch, Melancholie ohne Tränendrüse, Freude ohne Kasperletheater, Kraft ohne Geschrei, Weichheit ohne Beliebigkeit. Das alles habe ich versucht, in meinen deutschen Texten umzusetzen und früher nur in denen der anderen gefunden.

Was ist in der Muttersprache anders als im Englischen?

Bassenge: Wenn man auf Deutsch singt, muss man seinen eigenen Weg finden. Auf Englisch gibt es immer viele Vorbilder, denen man nacheifern kann, und viele Vorgaben, nach denen man sich richten kann. Durch die Distanz zur Sprache entsteht eine gewisse Freiheit in der Interpretation. Auf Deutsch versuche ich viel eher, die Dinge auf den Punkt zu bringen

Wie passt der Song „Girl In The Mirror“ in dieses Konzept?

Bassenge: Es ist das einzige Stück in Englisch auf dem Album. Ich hatte es schon geschrieben, als ich mich entschloss, die Platte auf Deutsch zu machen. Jeder, der Musik macht, wird wissen, dass man nicht einfach ein Lied wegschmeißt, nur weil es nicht ins Konzept passt. Selbst geschriebene Stücke sind - zumindest für mich - echt harte Arbeit. Ich beneide all jene, die sich einfach so die Hits aus den Fingern saugen. Solche Künstler soll es ja geben. Aber ich gehöre leider nicht dazu.

Neben Ihrem langjährigen Wegbegleiter und Bassisten Paul Kleber gesellen sich mit dem aus der Nähe von Rotenburg stammenden Trompeter Martin Wenk und dem Pedal-Steel-Gitarristen Paul Niehaus zwei Gäste von der Americana-Band Calexico. Wie kam es zu dem Kontakt?

Bassenge: Martin ist ein langjähriger Freund von mir. Wir sind schon oft zusammen aufgetreten, und ich war bereits zweimal als Gast von Calexico in Deutschland dabei. Daraus hat sich dann der Kontakt zu Paul Niehaus ergeben.

Nähern Sie sich dank Ihrer Studiogäste so dezent dem Country-Genre an?

Bassenge: Das finde ich eigentlich nicht. Es sind vielleicht ein paar Anleihen von Ennio Morricone, seiner Filmmusik oder ähnliches auf dem Album. Aber einen Country-Sound höre ich auf „Nur fort“ nicht wirklich.

Lisa Bassenge, heute, 20 Uhr, Theaterstübchen, Jordanstraße 9, Kassel. Karten unter 0561/816 5706.

www.theaterstuebchen.de

Von Thorsten Hengst

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.