Das Kasseler Staatstheater präsentierte sich mit dem Stück „Tyrannis“ beim Berliner Theatertreffen

Pokal aus Eis als Anerkennung

Thomas

Berlin. Wie „Big Brother“ ohne Ton flimmern Alltagsszenen einer Familie über großformatige Bildschirme auf der Theaterbühne. Schlafen, Aufstehen, Duschen, Essen und der Klo-Gang sind für den Zuschauer einsehbar. Von einem routinierten Tagesablauf kann hierbei jedoch nicht die Rede sein. Eher von zwanghaftem Verhalten, das schon bald komplett aus dem Ruder läuft.

Wie Figuren aus einer Horrorversion des Computerspiels „Die Sims“ bewegen sich die Schauspieler des Kasseler Staatstheaters durch den Bühnenraum – und zwar blind. Mit dem bildmächtigen Stück „Tyrannis“ wurde Kassel jetzt zum ersten Mal seit 1969 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. „Etwas Besseres kann einem Theater nicht passieren“, beteuerte Astrid Horst, Leiterin der Abteilung Presse und Öffentlichkeitsarbeit des Staatstheaters. Unter 394 Stücken wurde „Tyrannis“ als eine der zehn besten Inszenierungen des Jahres am Sonntagabend im Haus der Berliner Festspiele mit Urkunde für Intendant Thomas Bockelmann und einem vergänglichen Eispokal geehrt.

Der Applaus galt vor allem dem 28-jährigen Newcomer-Regisseur Ersan Mondtag, eigentlich Ersan Aygün, dem als jüngstem eingeladenenen Regisseur ein bildstarkes, unkonventionelles und aktuelles Horrordrama gelungen ist. Bereits bei der Premiere im Dezember in Kassel hatte es für Aufsehen gesorgt.

Neben opulenten großstädtischen Inszenierungen von Theatern aus Berlin, Hamburg und München, die für gewöhnlich jedes Jahr wieder eingeladen sind, halten Kassel und Karlsruhe dieses Jahr die Provinzquote beim Theatertreffen hoch. In jedem Falle profitierte Kassel von dem angesagten Regiejüngling aus Berlin-Kreuzberg, den auch Schauspieler Ullrich Matthes bei der Premierenfeier für seine „erstaunliche Fantasie“ lobte. Jedoch wäre es falsch zu behaupten, mit Mondtag als Regiseur wäre auch jedes andere Theater eingeladen worden. Denn was nicht außer Acht gelassen werden darf, sind die wirklich großartige Leistung und das harmonische Zusammenspiel des Kasseler Ensembles. Die Gaga-artige Tanzperformance von Schauspielerin und Tänzerin Kate Strong war sogar für den Theatertreffen-Trailer ausgewählt worden.

Es wird sich herausstellen, ob sich Mondtag beim Festival neben Regiegrößen wie Karin Beier und Herbert Fritsch ausreichend ins Gespräch bringen kann. Die Kombination aus wirklichkeitsnahen Themen, wie die Angst vor dem Fremden und allgegenwärtige Überwachung, und einer wirklichkeitsfernen Thriller-Ästhetik hat das Staatstheater in jedem Fall zu Recht nach Berlin gebracht.

In Kassel am 18. und 19. Juni im tif. Karten: 0561-1094-222

Von Philine Proft

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