Wie Macht Menschen korrumpiert und deformiert

Politthriller zum Auftakt der Festspiele: Schillers „Maria Stuart“

+
Bereit zum Sterben: Marie Therese Futterknecht als Maria Stuart auf dem Weg zur Hinrichtung, umgeben von den Hofdamen.

Bad Hersfeld. Ein Thriller aus dem Politbetrieb. Ein Lehrstück zur Frage, wie Macht Menschen korrumpiert und deformiert: Holk Freytag zeigt in seiner  Inszenierung des Friedrich-Schiller-Klassikers „Maria Stuart“ einen differenzierten Blick auf Entscheider und Mitläufer im politischen Geschäft.

Dabei stehen ihm Schauspieler zur Verfügung, die bis in die Nebenrollen fein nuancierte Personenporträts ausgestalten. Zum Auftakt der Festspielsaison in der fast vollen Bad Hersfelder Stiftsruine gab es für die Premiere am Freitagabend viel Applaus.

16. Jahrhundert: Die verjagte schottische Königin Maria Stuart hatte bei Englands Königin Elisabeth I. Zuflucht gesucht und war eingesperrt worden – die Monarchin wollte ihre mögliche Widersacherin ausschalten. Um den Beschluss zur Hinrichtung werden nun in den Hinterzimmern der Staatsgewalt Ränke geschmiedet. Es geht in der auf zwei Stunden stimmig gekürzten Bühnenfassung ums Verantwortung-Übernehmen und um die vergebliche Hoffnung, dass Liebe den Lauf der Dinge ändern kann.

In schweren Stiefeln und mit wirrem Haar sitzt Maria zu Beginn in ihrem Gefängnis: Marie Therese Futterknecht, das irisierende Kraftzentrum dieser Inszenierung, lässt den inneren Aufruhr der entmachteten Königin in stockender Sprache und nervösem Zucken deutlich werden. Hier ringt jemand um Fassung, will sich nicht aufgeben, obwohl es allzu verführerisch wäre, sich in den süßen Wahn gleiten zu lassen. Eine großartige Darstellerleistung.

Was macht die Macht mit einem Menschen? Auch Gerit Kling als Elisabeth lässt die Körperhaltung der Königin mit ihrer Selbstgewissheit korrespondieren. Anfangs ist sie die zackige Managerin der Macht im Hosenanzug. Später windet sie sich wachsweich, wenn ihr Staatssekretär (Nikolaus Kinsky) fragt, ob er das unterzeichnete Todesurteil zustellen soll. Im eindrucksvollen Schlussbild trägt sie ein orangerotes Prachtgewand, das an Darstellungen der historischen Elisabeth erinnert. Der Schutz, den sie in dieser Repräsentation sucht, ist trügerisch – mit dem weiß gepuderten Gesicht wirkt sie wie ein Gespenst, ein Zombie.

Holk Freytag (auch Bühne) setzt ganz auf die Kraft des Schiller-Worts und der Darsteller. So lassen die Königinnen in ihrem Rededuell Worte wie Dolche fliegen, zwischen Triumph und Demütigung passt nur eine Messerklinge.

Bei den Männern überzeugen Markus Gertken als schneidiger Bürokrat Burleigh, Fabian Baumgarten als leidenschaftlicher Mortimer und Stephan Ullrich – der Hugh Grant der Stiftsruine – als Graf von Leicester, der sich in der verliebten Zuwendung beider Königinnen suhlt, wenn es um Konsequenzen geht, aber vom großmäuligen Tiger zum zahnlosen Teddy der Inkonsequenz wird.

Die größte Optikveränderung gibt es erst zum 5. Akt. Die Ruinenwände werden in tiefrotes Licht getaucht, die Kirchenapsis bis ganz hinten von Kerzenreihen erhellt. Marias schwarz gewandete Hofdamen singen sakrale Melodien. Sie helfen der Todeskandidatin beim finalen Umkleiden. Einen blutroten Reifrock halten sie ihr vor dem Hineinschlüpfen kurz wie eine Gloriole über den Kopf. Darüber wird das friedhofsschwarze Renaissancegewand mit dem hohen Kragen geschnürt (Kostüme: Michaela Barth).

Die schottische Königin ist jetzt gelassen, endlich ruhig. Sie hat ihre innere Stabilität wieder. Von der haltlosen Verzweiflung ist sie zur geistigen Freiheit gewechselt. Bereit zum Sterben.

Wieder am 20., 22.6., Bad Hersfelder Festspiele bis 3. August, Kartentelefon: 06621-640200.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.