Pop-Duo Schnipo Schranke: "Pisse ist nicht ungewöhnlich"

Sie brauchen einen, der sie knallt - so singt es das gefeierte Frauen-Duo Schnipo Schranke in seinem Hit "Pisse". Im Interview erklären die Hamburgerinnen, wieso ihre Lieder Liebeslieder sind.

Mit den rumpelnden Pop-Chansons ihres Debüts ist dem Hamburger Duo Schnipo Schranke eines der besten deutschsprachigen Alben des Jahres gelungen. „Satt“ bietet wunderbare Lieder über die Liebe und ihr Scheitern mit nicht ganz jugendfreien Zeilen, die man von Sido kennt. Einmal heißt es: „Brauche Liebe, brauche Halt - und einen, der mich knallt“. Auch „Pisse“ und „Sackhaare“ werden lyrisch verarbeitet. Wir sprachen mit Fritzi Ernst und Daniela Reis, die sich an der Musikhochschule Frankfurt kennengelernt haben.

Wie oft haben Sie heute schon das Wort „Pisse“ gesagt? 

Fritzi Ernst: Ich habe es heute tatsächlich noch gar nicht gesagt. Aber ich denke, dass die meisten Menschen oft Sätze sagen wie: „Ich muss mal pissen.“ Es ist kein wahnsinnig ungewöhnliches Wort.

Trotzdem reden alle über Ihre angeblich vulgären Texte. Wie sehr stört Sie es, dass „Satt” mit dem Skandal-Bestseller „Feuchtgebiete” von Charlotte Roche verglichen wird? 

Ernst: Der Vergleich ist nicht treffend. Wir benutzen die Sprache ja nicht, um zu zeigen, dass wir das sagen können, obwohl wir Frauen sind. Wir wollen einfach unsere Alltagssprache in unsere Songtexte integrieren. Deshalb wünschen wir uns, dass die Leute diese Worte ausblenden, damit sie sehen, dass unsere Lieder Liebeslieder sind.

Zugleich werden Sie von den Kritikern des Feuilletons als moderne Feministinnen gefeiert. Sind sie denn überhaupt welche? 

Daniela Reis: Nein, wir haben die Band nicht gemacht, um etwas voranzutreiben, gesellschaftliche Statements zu setzen oder etwas zu verändern.

Warum haben Sie Schnipo Schranke dann gegründet? 

Reis: Wir haben gemerkt, dass wir mit unserem klassischen Musikstudium nichts anfangen können. Hätten wir weitergemacht, wären wir wahrscheinlich Musikschullehrer geworden. Wir wollten aber auf die Bühne und irgendetwas machen, was Aufsehen erregt. Der Plan, berühmt zu werden, war schon vor dem ersten Song da. Wir hatten keinen Bock, Regeln zu befolgen.

Wann haben Sie gemerkt, dass das Studium mit Blockflöte und Cello nicht das Richtige für Sie ist? 

Reis: Ziemlich schnell. Das fing schon damit an, wie an der Hochschule mit Musik umgegangen wird. Jede Kreativität und Eigeninitiative wurde vom Tisch gewischt. Es war nur wichtig, so zu spielen wie die anderen, damit man das vergleichen konnte. Der Lehrplan ist derselbe wie vor 50 Jahren.

Was stört Sie an klassischer Musik? 

Ernst: Wir standen schon von klein auf mit klassischer Musik auf der Bühne. Allein wie ein Konzert abläuft, finde ich befremdlich: Man geht auf die Bühne, verbeugt sich, und während die Musik spielt, darf man keinen Mucks von sich geben. Klassische Musik ist wichtiges Kulturgut, aber man will ja nicht nur reproduzieren. Irgendwann gibt es die 50. Aufnahme davon und dann sitzen Leute da und analysieren, wie der Cellist diese oder jene Stelle phrasiert. Man muss sich doch nicht so verkünsteln.

Wie würden Sie die Musik beschreiben, die Sie jetzt machen? 

Reis: Am Anfang haben wir uns Quatschbegriffe wie „Fuck-Chansons“ ausgedacht. Aber wir machen einfach Popmusik und versuchen, für die breite Masse zu schreiben.

In vielen Texten geht es ums Scheitern. Was fasziniert Sie so daran? 

Reis: Uns interessieren extreme Gefühle. Und Scheitern ist ein unheimlich intensives Gefühl, noch intensiver als Erfolg.

Das klingt, als sollte man das täglich erleben. 

Reis: Nein, auf keinen Fall. Aber das sind Dinge, bei denen man sich spürt. Das ist schön und gehört zum Leben dazu. Wenn man zum Beispiel als Musiker aus einem Song rausfliegt, ist das erst einmal ein Schock, aber es beschert einem auch Endorphine, wenn man doch durchgekommen ist.

Wie gern essen Sie eigentlich Schnitzel mit Pommes, Mayo und Ketchup, wofür Schnipo Schranke steht? 

Ernst: Es ist nicht unser Lieblingsgericht, aber wir essen es schon gern. Wir kannten diesen komischen Begriff gar nicht, bis wir ihn beim Komiker Kurt Krömer gehört haben. Schnipo Schranke ist griffig und kein schlechter Bandname.

Zur Band

Mitglieder:  Daniela Reis (vorn, 27) und Fritzi Ernst (eigentlich Friederike, 26)

Herkunft: Tettnang/Bodensee (Reis), Würzburg (Ernst)

Ausbildung:  Studium an der Musikhochschule Frankfurt für Cello (Reis) und Blockflöte (Ernst)

Privates: Beide leben in Hamburg. Reis ist mit Ente Schulz zusammen, dessen Penis man auch im Video zum Song „Pisse“ sieht.

Schnipo Schranke:  Satt (Buback/Indigo). Wertung: fünf von fünf Sternen

Schnipo Schranke spielen voraussichtlich am 13. April 2016 im Kasseler Theaterstübchen, Jordanstraße 9.

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