Zwei packende Konzerte bei den Göttinger Händel-Festspielen

Pop-Musik von einst

Christophe Rousset Foto: privat/nh

Göttingen. Georg Friedrich Händel hat nie in Frankreich gelebt, er nahm als guter Europäer aber Einflüsse der französischen Kultur in sein Werk auf. Dieser spannende Kulturtransfer war das Thema bei den Göttinger Händel-Festspielen mit dem Motto „Vive le Baroque“. Da durfte ein Star der französischen Barockszene nicht fehlen - Christophe Rousset, einer der weltbesten Cembalisten.

Nach dem Konzert mit seinem Ensemble Les Talens Lyriques brillierte er tags darauf solistisch mit Werken von François Couperin, Händel und Jacques Duphly. Eine Feier der Klarheit, des Ornaments und des pikanten Rhythmus bereitete er in der Uni-Aula den Liebhabern des historischen Tasteninstruments.

Bei stilisierten Tanzsätzen konnte man sich lebhaft vorstellen, wie Hoffräulein durch die Salons tänzeln und hopsen. Zum Pläsier trug auch der seidige Klang bei. Gespielt wurde ein Instrument des Cembalobaumeisters Jürgen Ammer (Schauenburg, Kreis Kassel), und zwar der Nachbau eines Pariser Cembalos von Pascal Taskin aus dem Jahr 1769.#

Cembalo-Konzerte haben es wohl an sich, dass selbst eine Koryphäe wie Christophe Rousset kaum mehr als 200 Zuhörer anlockt. Dafür war die Stadthalle bei Händels „Athalia“ voll besetzt. Wieder gab es einen Bezug zu Frankreich: Jean Racines letzte Tragödie bildet die Vorlage für dieses grandiose Oratorium über die vom jüdischen Glauben abgefallene, von Albträumen gebeutelte Königin Athalia.

Wunderbar plastisch hat Händel die Chorsätze komponiert. Es gibt eine innovative (von Racine vorgezeichnete) Verknüpfung von Solo und Chor. Es gibt unterschiedliche Stilhöhen für die Israeliten und die Anhänger der falschen Religion, wobei die bewusst einfachen Chöre der Baals-Anhänger geradezu poppig wirken. Im Priesterchor „The gods, whose chosen blessings shed“ überraschen gar Akkorde, die mehr nach den Beatles als nach Händel klingen.

Nicholas McGegan leitete eine packende, äußerst inspirierte Aufführung. Der scheidende Festspielleiter zeigte, wie man Affekte auslebt, ohne den Genuss an der Musik zu vergessen. Glänzend agierte das Festspielorchester. Der NDR-Chor überzeugte, auch wenn die Soprane nicht immer ein Maximum an leuchtender Klarheit erreichten.

Gefährlichkeit signalisierte Isabel Bayrakdarian als Lady in Rot. Ihre Athalia kam überaus dramatisch daher, mehr veristisch als barock, manchmal fast schrill. Meredith Hall (Josabeth) war als indisponiert angekündigt, machte aber Eindruck mit ihrer affektvollen Phrasierung.

Triumph für McGegan

Sehr viel gaben auch die weiteren Gesangssolisten, der kräftig tönende Bass-Bariton Andrew Foster-Williams (Abner), der klein, aber fein timbrierte Countertenor Terry Wey (Joad) und der wandlungsfähige Tenor Thomas Cooley (Mathan). Prima passte die jugendliche Stimme der Göttingerin Johanna Neß zur Partie des Knaben Joas. Zuletzt jubelte das Publikum, es war ein Triumph für Nicholas McGegan.

Heute, 19.30 Uhr, Stadthalle Göttingen: Galakonzert zum Abschied von Nicholas McGegan. Kartentel.: 0551 / 90 12 13.

Von Georg Pepl

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