Popeye und Käpt’n Raubär: Der Berliner Musiker Rummelsnuff

Musiker, Kraftsportler und Türsteher im Berliner Club Berghain: Rummelsnuff tritt Samstag im Kasseler K 19 auf. Foto: Promo

Wir erreichen Rummelsnuff auf dem Handy, als er gerade ein bisschen Krach gemacht hat. Das ist nichts Ungewöhnliches für einen Musiker, aber Roger Baptist, wie dieser Berg aus Muskeln eigentlich heißt, war wie jeden Morgen in seinem Kraftraum im Berliner Stadtteil Niederschöneweide.

„Ich habe ganz schön geklappert mit den Gewichten“, sagt der 46-Jährige, der einer der ungewöhnlichsten Musiker Deutschlands ist, was man schon auf den ersten Blick sieht.

Und man hört es auch. Rummelsnuff macht „derbe Strommusik“, wie er sagt: „Das ist eine Nicht-Kategorie und mein Protest gegen das Schubladendenken.“ Man muss sich seinen Sound vorstellen, als hätte Freddy Quinn die Stimme eines Dieselmotors und würde zu brachialer Industrial-Musik Seemannslieder und Arbeiterhymnen singen. Samstag ist Rummelsnuff, der als „Käpt’n Raubär“ und „Popeye der Techno-Szene“ gefeiert wird, Gast bei der EBM-Party im Kasseler K 19 (Hintergrund).

EBM steht für Electronic Body Music, und auch wenn Rummelsnuff in diese Schublade ebenfalls nicht richtig passt, weil sein Stil eher Electro-Shanty ist, könnte man sich keinen besseren Künstler vorstellen, der elektronische Körpermusik macht.

Das zeigt schon seine Ost-Biografie: Baptists Mutter war Geigenlehrerin und spielte für den DDR-Schlagersänger Frank Schöbel Keyboard und Violine, der Vater war Posaunist. Als Kind lernte Baptist Fagott und bewies mit einem Sprint-Sieg bei der Spartakiade, dass Kunst und Körperkraft sich nicht ausschließen müssen.

Er machte eine Ausbildung zum Mechaniker und wurde „stärkster Lehrling“ der DDR, was doppelt zu verstehen ist. Als Punk spielte er Bass in einer Band, die Kein Mitleid hieß. Mit der Dresdner Untergrundband Freunde der italienischen Oper versuchte er sich schon in den 80ern an stampfender Industrial-Musik.

Sein Geld verdiente Baptist als Matrose, Bodybuilding-Trainer und als Nachtwächter in Berlins erstem Fitnessstudio, das rund um die Uhr aufhatte. „Ich war einer der Gesellen im brenzligen Viertel, die respektvoll aussahen“, sagt er in seinem sympathischen Brummton. Dort traf er den norwegischen Künstler Bjarne Melgaard, der ihn in seinen Bildern porträtierte und zur Figur Rummelsnuff inspirierte - in Anlehnung an Baptists damaligen Wohnort Rummelsburg im Nordosten Berlins.

Mittlerweile ist Rummelsnuff nicht nur Musiker, sondern auch eine Schwulen-Ikone, obwohl er über das Thema Homosexualität nicht spricht und nur sagt, dass er „Single und Einzelkämpfer“ sei. Er jobbt als Schauspieler in Experimentalfilmen sowie als Türsteher im legendären Berliner Techno-Club Berghain. Auch dort kommt es nicht nur auf den Körper an. „Als Türsteher muss man nicht aussehen wie ich, aber man sollte gut mit Worten umgehen können.“

Auch als Musiker kann er beides. In den 90ern war Baptist Keyboarder der EBM-Band Automatic Noir und nicht immer ausgelastet. Manchmal hackte er darum einfach Holz auf der Bühne.

Stichwort: EBM

Electronic Body Music entstand Anfang der 80er durch Bands wie Front 242, DAF („Der Mussolini“, „Verschwende deine Jugend“) und Die Krupps. Kennzeichnend sind sich wiederholende Sequenzerläufe, maschinenartige Beats und parolenartige Rufe.

Summer Stomp mit Rummelsnuff, Combat Company und Sequenz-E: Samstag, 20 Uhr, K 19, Moritzstraße 19, Kassel.

Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.