Popkünstlerin Björk verappelt die Musik multimedial

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Überrascht nicht nur mit ihrem Outfit: Für ihr neues Album hat Björk Apps programmieren lassen, mit deren Hilfe die Hörer selbst Musik machen können.

Björk Gudmundsdottir ist die Mensch gewordene Wundertüte. Als Sängerin, Schauspielerin und Künstlerin sorgt sie für Überraschungen. Ihre anspruchsvollen Alben lassen sich nie so nebenbei weghören.

Mehrfach ausgezeichnet wurde sie für ihre Verkörperung der Selma in Lars von Triers Kinodrama „Dancer In The Dark“. Mal tritt sie als Elfe, mal als Roboter auf. Was Björk anstellt, wird zum Kunstwerk, und sie selbst ist Teil davon. Hier will jemand der Popkultur entfliehen und in der Hochkultur ankommen.

Im 45. Lebensjahr setzt das rätselhafte Mädchenwunder aus Reykjavik mit der Quäkstimme und den ausgefallenen Kostümierungen einen vorläufigen Höhepunkt. „Biophilia“ ist ein Konzeptkunstwerk. In dem multimedialen Projekt ist das siebte Studioalbum mit zehn Songs nur ein Baustein neben Apps, Liveshows mit Installationen sowie begleitenden Seminaren und Workshops, Dokumentarfilm und 3D-animierter Webseite.

Wer sich auf den ganzen Spaß einlässt, kann Akteur in einem interaktiven Spiel werden - er konsumiert dann nicht nur Musik, sondern produziert sie mit durch sein Handeln. Und das geht so: Für jeden der zehn Songs gibt es eine separat erhältliche App in Apples iTunes-Store, die man mittels iPhone und iPad nutzen kann. Bei der Anwendung zu „Crystalline“ etwa erklingen durch das Sammeln von Kristallen erst die Strophen, ist eine bestimmte Anzahl zusammengekommen, folgt der Refrain.

Mit anderen Apps ist es dem Benutzer möglich, Einfluss auf die Musik zu nehmen, indem er Zellen vor Viren schützt oder Steine aneinanderreiht (wodurch neue Klangfolgen entstehen). Neben diesen Spiele-Anwendungen vertreiben, wenn gewünscht, ein virtueller „Biophilia“-Rundgang, Karaoke-Versionen von den Liedern und Essays zu den Songs die Zeit.

Selbst die, die allein aufs Album scharf sind, werden nicht enttäuscht. Die Musik orientiert sich an der Natur in ihrer puren Schönheit. Deshalb wurden ihr Strukturen abgeschaut und in Sounds und Beats umgerechnet. Björks Stimme perlt klar und rein drüber hinweg. In „Moon“ singt sie von den Mondphasen, begleitet von Harfe und isländischem Frauenchor, „Cosmogony“ erzählt von der Entstehung des Universums, Posaunen und Hörner erklingen.

Für die Songs wurden eigens teils monströse Instrumente entwickelt, beispielsweise die den „Virus“ glockenspielhaft wiedergebende Gamelesta (gebaut aus Gamelan und Celesta). Entstanden ist ein reduzierter Mathe-Pop, der Emotionen zulässt. „Biophilia“ irritiert und fasziniert. Ob die Verapplung der Musik die (kommerzielle) Zukunft ist oder bloß aufwändig beworbene Veräpplung, wird sich herausstellen müssen.

Björk: Biophilia (Polydor/Universal). Wertung: vier von fünf Sternen

Von Oliver Seifert

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