Popstar wider Willen: Asaf Avidan im Kulturzelt Kassel

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Musiker mit Hang zu großen Gesten: Der Israeli Asaf Avidan (35) im Kasseler Kulturzelt.

Kassel. In seiner Heimat ist der Israeli Asaf Avidan ein Superstar. Hierzulande wurde er erst durch einen Remix des DJs Wankelmut bekannt. Im Kasseler Kulturzelt wurde Avidan nun gefeiert.

Es kann manchmal so einfach sein: Da kommt ein deutscher DJ daher, remixt deinen Song, so dass er zum Megahit wird und voilà, fertig ist die Karriere. So geschehen bei dem israelischen Komponisten und Falsett-Giganten Asaf Avidan mit seinem Liebesschmerz-Knüller „Reckoning Song“, dem der Berliner DJ Wankelmut flockige Housebeats injizierte, eine Namensänderung in „One Day“ vornahm und die Vermarktung auf Youtube optimierte.

Blöd ist nur, wenn dir als Musiker der Remix eigentlich gar nicht gefällt und du dich so gar nicht repräsentiert fühlst in deinem eigentlichen künstlerischen Schaffen. Der Versuch, diese Crux einem Publikum zu vermitteln, das genau wegen diesen Songs ein Konzert von ihm besucht, ist im aalglatten Popbusiness eigentlich ein No-Go. Als sich der Popstar wider Willen bei seinem Konzert im ausverkauften Kasseler Kulturzelt diese Blöße gab, zeugt von einer mentalen Qualität, Widersprüche und Schwächen thematisieren zu können, ohne dabei zu intellektualisieren.

Man bekommt den Eindruck, dass ihn diese Begabung eine Musik erschaffen lässt, die erst an zweiter Stelle eine Zuhörerschaft fokussiert. Zuerst einmal kreiert er seinen fragilen Swamp-Gitarren-Pop für sich und seine Stimme. Dabei geht es um die Verarbeitung seiner von vielen Reisen geprägten Biografie und der Sehnsucht, endlich im Leben irgendwo anzukommen.

Wenn Avidan mit großem Gestus den Mikrofonständer im Scheinwerferlicht kreisen lässt, der Gitarrengurt sich um die tätowierte Schulter strafft und er seine Falsettlinien mit einem dezenten Jodler einer dramatischen Intensität zuführt, die unter die Haut geht, dann spürt man, dass bei ihm der Weg das Ziel bedeutet.

Kreativ ist der 35-Jährige längst bei sich angekommen und hat mit seinem „Golden Shadow“-Tourquintett eine Band im Rücken, die ihm gesanglich und instrumental alles bietet, was er benötigt, um mit seinem androgynem Timbre zu brillieren. Das Zelt kochte. Man konnte froh sein, dass Balladen und langsame Walzer das Programm dominierten.

Bei der Zugabe dann noch etwas Hochgeistiges: Springen definierte Avidan als die Überwindung der Schwerkraft und die Befreiung von den Fesseln der Macht. So hatten alle, die beim letzten Song in die Höhe federten, das Gefühl, an etwas Großem teilgenommen zu haben.

Viel Applaus für einen Individualisten, der sich der Schwerkraft der Musikindustrie erfolgreich verweigert, obwohl er über alle Parameter eines Superstars verfügt.

Kulturzelt am Mittwoch, 19.30 Uhr: Olli Schulz.

Von Andreas Köthe

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