Porno als Psychotrip: Lars von Triers „Nymphomaniac“ bei der Berlinale

Auf dem Gipfel der unbefriedigten Lust: Die Schauspieler Stacy Martin und Shia LaBeouf in Lars von Triers „Nymphomaniac“. Foto: Berlinale

Berlin. Männer abschleppen ist wie Fliegenfischen. Man erkundet zunächst Gewässer und Beuteangebot. Dann wirft man die aus Fischsicht unwiderstehliche Fliege aus. Und wenn die Reaktion nicht wie gewünscht erfolgt, präsentiert man den Köder eben in einer so provokativen Art, dass Anbeißen gewiss ist.

Lars von Triers mit Spannung erwarteter Film „Nymphomaniac“, dessen erster Teil (2,5 Stunden) bei der Berlinale vorgestellt wurde, zeigt jede Menge Geschlechtsorgane in Interaktion. Er zeigt Gesichter im Moment höchster Lust, er zeigt Strategien, die Menge an Geschlechtsakten pro Tag zu maximieren.

Joe (zerbrechlich und geheimnisvoll: Charlotte Gainsbourg) liegt anfangs blutend auf der Straße. Sie wird von dem alten Junggesellen Seligman (Stellan Skarsgård) mit nach Hause genommen, wo er ihr eine Tasse Tee und ein offenes Ohr anbietet. Joe erzählt ihm ihre Geschichte, die der Film dann Kapitel für Kapitel zeigt. Stacy Martin spielt die junge Joe, die immer von etwas Ratlosigkeit umflort ist.

Die Pornoszenen sind hier Teil einer Selbstergründung. Seligman erkennt schnell, wie tief Joes Selbsthass und Selbstabwertung sind. Er ermöglicht ihr – ohne Überbau aus Psychovokabeln, sondern mit Exkursen in die Angelkunst, Geometrie, Baumkunde, Komposition, zu Marcel Proust und Edgar Allen Poe – von ihrer inneren Bedrängnis zu sprechen. Das heißt bei einer Frau, die sich selbst als unmoralisch und als Nymphomanin bezeichnet und Erlösung von der Macht der Sexualität sucht: von ihrer sexuellen Biografie. Schuld und Sühne.

Das recht längliche Stationendrama ist in verschiedenen visuellen Stilen gestaltet, teilweise werden Grafiken und Zahlen (was hat eine Entjungferung mit der Fibonacci-Folge zu tun?) eingeblendet. Das wirkt distanzierend und fügt eine bei all dem akademischen Diskurs und all den Pornobildern wohltuende Ebene von Ironie und Leichtigkeit hinzu, die die Elemente zu einem außergewöhnlichen Filmerlebnis verbindet.

Lars von Trier führt mit „Nymphomaniac“ sein „Triptychon der Depression“ nach „Antichrist“ und „Melancholia“ zu Ende, und es ist sicher nicht zu viel interpretiert, dass der Regisseur hier auch die eigene Seelenerkundung betreibt: ein Psychotrip.

Und dann gibt es noch Uma Thurman. Sie hat einen 25-Minuten-Auftritt, der allein das Ansehen lohnt. Als verlassene Ehefrau Mrs. H. kommt sie mit drei Söhnen in Joes Wohnung und macht ihrem Ex und der Neuen eine Szene: „Dürfen die Kinder ihn weiter Daddy nennen? Sie können auch sagen: der Mann.“ Das ist ganz großes Theater. Eine so fein geschriebene und furios gespielte Brandrede wäre auch auf jeder Bühne eine Sensation.

Von Bettina Fraschke

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