Im Kasseler Kunstverein öffnete eine Ausstellung seiner Mitarbeiter: 51 18’ 49’’ N 9 29’ 51’’ E

Positionen des Dazwischen

Auf der Suche nach der perfekten Welle: Kunstvereins-Vorsitzender Bernhard Balkenhol mit Daniela Toebelmanns Maschine. Fotos: Koch

Kassel. Kunst ist, was wir zu Kunst erklären. Sie entsteht im Kopf des Betrachters. Aylin Uçar hat einfach den Abfallkalender 2009 der Stadt Schlüchtern in den Kasseler Kunstverein gehängt, Monat für Monat zieht sich eine dünne, mit der Hand gezogene Linie durch die Spalten und bricht plötzlich ab. Was war da los?

Uçar, die bei Urs Lüthi an der Kunsthochschule Kassel studiert und inzwischen ihr Referendariat angetreten hat, fragt nach Gedächtnis und Erinnerung. Sie fordert unser Vorstellungsvermögen heraus, auch mit dem leeren alten Fotoalbum, das sie auf einen Sockel im Fridericianum platziert hat.

Dort wurde am Wochenende die erste Schau im Jubiläumsjahr des Kunstvereins eröffnet: „51 18’ 49’’ N 9 29’ 51’’ E“ ist sie nach der exakten geografischen Standortbestimmung des 175 Jahre alten Vereins benannt. Die Ausstellung ihrerseits ist eine Positionsbestimmung all der ehemals oder derzeit in Kassel lebenden Künstler, die - ob als Fotografen, Grafiker, Aufbauhelfer, Aufsichten oder bei Führungen - in den vergangenen Jahren im Kunstverein tätig waren.

Dies ist keine Kunst, die eine Riesen-Welle macht (obwohl man genau die mit Daniela Toebelmanns toller Maschine produzieren kann). Es gibt zwar Silvia Götz’ pathetisch aufgeladene Arbeiten, die an revolutionäre Polit-Grafik erinnern. Aber selbst wo die Kunst scheinbar triumphal auftritt wie beim Bulgaren Milen Krastev, der gleich ein ganzes „National Museum of Milenia“ ausstellt, dessen Abkürzung NaMuMi ans New Yorker MoMa erinnert, ist sie selbstironisch.

Meist ist sie ohnehin fragil, behutsam, gleichsam schwebend wie das Mobile, das Annegret Luck aus Alltagsgegenständen gebastelt hat. Es sind eher Erkundungen zu sehen, Versuchsanordnungen, Erprobungen - ob von eigenen Körpererfahrungen (Sünje Todt) oder Körpern im Raum - mit Architektur (Ingmar Mruk), Installation oder Skulptur (Johannes von Stenglin).

Charlotte Mumm hielt auf 45 Blättern die Verunsicherung fest, die mit ihrem Wechsel von der Hochschule ins freie Künstlerdasein, ihrem Umzug von Kassel nach Amsterdam verbunden war - oder, wie sie es formuliert, „wie man sich den Kopf zerbrechen kann über allerlei Dinge“. Das Dazwischen als Thema: Übergänge, Unterwegssein, Ankommen, Selbstfindung.

Besonders beeindrucken die Aufnahmen von Diana Kühn, die bei Bernhard Prinz in Kassel Fotografie studiert. Sie hat 13-, 14-jährige Jungs porträtiert, die sich auf der Schnittstelle zwischen Kindheit und Erwachsensein bewegen, die sich vermutlich selbst fremd sind, die coole Posen einüben und im nächsten Moment mit ihren Haustieren kuscheln. Kühn hat perfekte Momente gefunden, um diese emotionalen Berg- und Talfahrten in Bildern anzuhalten.

Bis 5. April, Mittwoch bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr. Eintritt: 3/1,50 Euro, mittwochs frei. Kostenlose Führungen an den Sonntagen 31.1., 28.2. und 28.3., 16.30 Uhr. www.kasselerkunstverein.de

Von Mark-Christian von Busse

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