Berliner Schau zur Geschichte der Ansichtskarte

Als die Postkarte unmoralisch war

Romantisches Ziel: Postkarte aus dem Spreewald. Foto: MFK

Berlin. In Zeiten von offenherzigen Pinnwand-Ankündigungen in sozialen Netzwerken im Internet ist es kaum zu glauben, mit welcher Zurückhaltung Ende des 19. Jahrhunderts die Erfindung der Postkarte aufgenommen wurde. Als „unmoralisch und beleidigend“ wurde die „Correspondenzkarte“, die 1869 die österreichische Post herausbrachte, zunächst angesehen. Schließlich verletzte die öffentliche Sendung das Postgeheimnis.

Doch die Idee zur Postkarte, die zuallererst der Geheime Postrat beim preußischen Generalpostamt Heinrich von Stephan hatte, war unschlagbar. Das zeigt eine Kabinettausstellung im Museum für Kommunikation in Berlin.

Die aus einem studentischen Projekt des Instituts für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin entwickelte Schau fragt auch danach, warum Ansichtskarten noch immer geschrieben werden - SMS, Skype und Facebook zum Trotz. Eine Erklärung: Weil individuell ausgewählte Postkartenmotive hohe Wertschätzung und Aufmerksamkeit für den Empfänger signalisieren.

Und da gab es stets eine große Vielfalt, wie ausgewählte Exemplare deutlich machen: Grußkarten zu Fest- und Feiertagen, angeheiterte Grüße von einer feuchtfröhlichen Runde an einen fehlenden Freund, scherzhaft-satirische sowie schmachtend-sehnsuchtsvolle Bilder. Postkarten spiegelten Jubiläen, Propaganda, nationale Mythen wider - und natürlich die früher beliebtesten Reiseziele: Teutoburger Wald, Spreewald, Schwarzwald oder Rhein. Anfangs wurden auch neue Postgebäude gern als Motiv verschickt - ein Ausdruck von Stolz auf die wilhelminischen Bauten, die für den Fortschritt standen.

Massenhafte Verbreitung fand die Postkarte erst im Ersten Weltkrieg. Damals ging es für Millionen nur um das reine Lebenszeichen. Ein Beispiel aus der Ausstellung: „Ich bin gesund und munter. Sonst nichts Neues.“

Bis 14.8., Leipziger Str. 16, www.mfk-berlin.de, Tel. 030/202940.

Von Mark-Christian von Busse

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