Patrick Schlösser inszeniert im tif Marlowes „Edward II.“

Der Preis der Macht

Knallharter Politthriller: Björn Bonn (Gaveston, links) und Thomas Meczele (Edward II.). Foto: Klinger

Kassel. Macht macht einsam. Der junge König mit der Krone auf dem langen Haar zieht sich dann zurück. Er fläzt sich auf seinen großen Königsstuhl, nachdenklich, oder kauert wie ein verängstigtes Kind. Sein Refugium. Doch selbst hier fangen ihn Kameras sein. Sein Bild wird überlebensgroß auf die die Bühne dominierende Leinwand projiziert. Nicht ist privat, alles öffentlich.

Edward II., dem der Shakespeare-Zeitgenosse Christopher Marlowe sein Schauspiel gewidmet hat, begehrt Gaveston. Eine Männerliebe, die seine Frau Isabella (Anna-Maria Hirsch) und den englischen Hof provoziert. Patrick Schlösser lässt seine sechs Schauspieler am Freitagabend im Kasseler tif in den fantasievoll zwischen damals und Jetzt-Zeit changierenden Kostümen (Bühne/Kostüme: Daniel Roskamp) agieren. Das Heute ist immer präsent in diesem gut einstündigen Stück. Vor allem spielt die Video-Kamera eine Hauptrolle.

Sie eröffnet zusätzliche Räume, schafft fast intime Einblicke und doppelt die Figuren, wenn sie aus der Leinwand heraustreten und im Raum agieren. Das schafft formale Qualitäten, wirft aber Fragen auf: Das virtuose Spiel mit der Technik, die präzise Abstimmung mit den Schauspielern überziehen das Spiel um Intrigen, Manipulation und Ehrgeiz am Hof mit einer irritierenden Auflösung von dem, was privat und öffentlich sein kann. Nur als die zwei Männer sich wieder begegnen, Gaveston den König umarmt, sich anschmiegt, schaut die Kamera weg. Ein Moment der Geborgenheit im Staatsapparat.

Thomas Meczele (Edward) und Björn Bonn (Gaveston) spielen wie in einem fein choreografierten Pas de deux, selbst die Nacktszene ist von größter Ästhetik.

Doch Schlösser legt sein Stück als knallharten Politthriller an - Gaveston und Edward werden ermordet - und als ob er das gleich wieder relativieren wolle, versetzt er das Geschehen in eine fast unwirkliche Stimmung. Das gleißende Licht lässt die Luft flirren, wallender Nebel, aus dem Off hallt das Geräusch tropfenden Wassers, die Schauspieler erspielen sich Gefühle mit seltsamem Unbeteiligt-Sein: Wenn die Menschen sterben, sinken sie langsam zu Boden, so, als ob man Blumen geknickt hätte.

Der Regisseur hat für seine außergewöhnliche Inszenierung eine eigene Bearbeitung mit aktuellen Bezügen erstellt, basierend auf der Filmvorlage des Filmemachers Derek Jarman. Ein wie von fern her kommender Blick auf Liebe, Schmerz und Begehren, auf den Preis der Macht. Stürmischer Applaus zur Premiere.

Wieder am 3., 12., 17., 20.12., 20.15 Uhr, tif, Karten: Tel. 0561/1094222.

Von Juliane Sattler

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.